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Warum der Wunsch, gewählt zu werden, Beziehungen zerstören kann

Warum der Wunsch, gewählt zu werden, Beziehungen zerstören kann

Es gibt diesen einen Gedanken, den viele Menschen irgendwann haben, aber kaum jemand laut ausspricht.

Er kommt meist spät abends, wenn alles ruhig ist, oder nach dem hundertsten Mal, jemandem beim Händchenhalten zuzusehen. Der Gedanke lautet nicht: „Ich will die große Liebe.“ Er lautet eher: „Ich will einfach nicht mehr allein sein.“

Und genau hier beginnt das Problem.

Denn wenn der Wunsch, gewählt zu werden, größer wird als der Wunsch, wirklich glücklich zu sein, fangen Menschen an, Dinge zu akzeptieren, die ihnen eigentlich nicht guttun.

Sie bleiben, obwohl sie sich klein fühlen. Sie passen sich an, obwohl sie sich dabei selbst verlieren. Sie reden sich ein, dass das schon reicht. Hauptsache, jemand bleibt.

Das passiert nicht, weil diese Menschen schwach sind. Es passiert, weil Einsamkeit laut sein kann. Weil sie an Selbstwert kratzt.

Und weil unsere Gesellschaft uns immer noch unterschwellig einredet, dass „allein“ irgendwie ein Zwischenzustand ist, den man schnell beenden sollte.

Wer sich nur deshalb auf eine Beziehung einlässt, um sich endlich gewählt zu fühlen, tappt fast immer in dieselben vier mentalen Fallen. Sie wirken logisch. Sie fühlen sich wahr an. Und genau deshalb sind sie so gefährlich.

Falle 1: „So wie ich mich fühle, so ist mein Leben auch“

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Das ist wahrscheinlich die häufigste und gleichzeitig die tückischste Falle überhaupt. Man fühlt sich leer, traurig oder einsam – und zieht daraus automatisch den Schluss, dass das eigene Leben gerade schlecht ist. Punkt. Keine Diskussion.

Dabei wird komplett übersehen, dass Gefühle keine objektiven Zustandsberichte sind. Sie sind Reaktionen. Momentaufnahmen. Und vor allem: Sie entstehen durch Gedanken, nicht durch Fakten.

Single zu sein ist erstmal nur ein Fakt. Nicht mehr. Kein Urteil. Kein Beweis für irgendwas. Alles andere – das Gefühl von Mangel, von „ich werde übersehen“, von „mit mir stimmt was nicht“ – entsteht durch die Geschichte, die man sich darüber erzählt.

Das Gemeine daran: Gefühle fühlen sich immer absolut real an. Wenn du dich einsam fühlst, dann IST dieses Gefühl da.

Aber das bedeutet nicht, dass dein Leben objektiv leer oder falsch ist. Es bedeutet nur, dass dein Kopf gerade in einer bestimmten Schleife hängt.

Zwei Menschen können exakt gleich leben und sich komplett unterschiedlich fühlen.

Der eine denkt: „Ich habe gerade Zeit für mich, Ruhe, Freiheit.“ Der andere denkt: „Ich werde nicht gewählt, ich bin übrig geblieben.“ Gleiche Situation, völlig anderes Erleben.

Wer dieser Falle glaubt, sucht Erlösung im Außen. In einer Beziehung. In einem Menschen, der das schlechte Gefühl endlich wegmachen soll.

Und genau dann wird man anfällig dafür, sich mit irgendwem zufriedenzugeben – nicht weil es passt, sondern weil das Gefühl so dringend weg soll.

Falle 2: „Meine Vergangenheit sagt mir, wie meine Zukunft aussieht“

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Diese Falle ist besonders perfide, weil sie sich unglaublich logisch anhört. Wenn man schlechte Erfahrungen gemacht hat, fühlt es sich nur vernünftig an, vorsichtig zu sein. Aber viele gehen einen Schritt weiter: Sie erklären ihre Vergangenheit zur Wahrheit über ihre Zukunft.

Ein paar Enttäuschungen, ein paar Zurückweisungen, vielleicht eine richtig schmerzhafte Beziehung – und plötzlich ist da dieser innere Satz: „Bei mir klappt das einfach nicht.“ Oder: „Ich ziehe immer die Falschen an.“ Oder: „Am Ende werde ich sowieso verlassen.“

Diese Gedanken fühlen sich nicht wie Vermutungen an. Sie fühlen sich wie Fakten an. Wie etwas, das man akzeptieren muss.

Das Problem ist: Niemand kann wissen, was noch kommt. Auch du nicht.

Trotzdem verhalten sich viele Menschen so, als wäre ihr Liebesleben bereits entschieden. Und dieses Verhalten beeinflusst unbewusst jede neue Begegnung.

Wer ständig mit Ablehnung rechnet, ist innerlich angespannt. Man interpretiert Kleinigkeiten über. Man traut schönen Momenten nicht. Oder man klammert aus Angst, wieder ersetzt zu werden.

Und genau das sorgt oft dafür, dass Beziehungen scheitern – was die alte Überzeugung dann scheinbar bestätigt.

Aus Angst, wieder allein zu sein, bleiben viele lieber in Beziehungen, die sich nicht gut anfühlen.

Weil sie glauben, dass das die letzte Chance ist. Dass mehr für sie nicht drin ist. Und das ist eine verdammt schwere Last, die man sich selbst auflädt.

Falle 3: „Andere Paare sind glücklicher als ich es je sein könnte“

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Diese Falle lebt vom Vergleich. Von kurzen Momenten, die wir sehen, und ganzen Geschichten, die wir uns dazu ausdenken.

Man sieht ein Paar lachen, sich küssen, gemeinsam einkaufen. Und im eigenen Kopf läuft sofort der Film: „Die haben es geschafft. Die sind glücklich. So werde ich mich nie fühlen.“

Was dabei komplett ignoriert wird: Du siehst immer nur Ausschnitte. Niemand läuft mit seiner Beziehungsrealität auf der Stirn durch die Gegend.

Du siehst nicht die Konflikte, die Unsicherheiten, die stillen Enttäuschungen. Du siehst nur das, was nach außen gezeigt wird.

Beziehungen sind keine Dauer-Wohlfühlzone. Sie bestehen aus Nähe und Distanz, aus Verbundenheit und Missverständnissen, aus guten Phasen und richtig zähen.

Wer glaubt, dass andere dauerhaft glücklicher sind, macht sich selbst klein und setzt sich unter Druck.

Das Ironische ist: Viele Menschen haben in Beziehungen genauso Einsamkeit erlebt wie im Single-Dasein. Und trotzdem idealisieren sie das, was sie gerade nicht haben.

Diese Denkweise führt oft dazu, dass man Beziehungen nicht wegen der Verbindung eingeht, sondern wegen des Vergleichs.

Um endlich auch „dazuzugehören“. Um nicht mehr das Gefühl zu haben, außen vor zu sein. Und das ist ein verdammt wackliges Fundament.

Falle 4: „Wenn ich single bin, stimmt etwas nicht mit mir“

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Diese Falle sitzt tief. Tiefer, als viele zugeben wollen. Sie hat oft nichts mit dem eigenen Denken angefangen, sondern mit dem, was man früh gelernt hat.

Manche sind mit der Botschaft aufgewachsen, dass Erfolg sich daran misst, ob man jemanden hat. Dass Selbstwert daran hängt, ob man gewählt wird. Dass Alleinsein ein Mangel ist, den man erklären muss.

Und plötzlich fühlt sich Single-Sein nicht mehr neutral an, sondern wie ein Beweis. Ein Beweis dafür, dass man nicht genug ist. Nicht attraktiv genug. Nicht interessant genug. Nicht liebenswert genug.

Das ist brutal – und komplett falsch.

Beziehungsstatus sagt nichts über Charakter, Tiefe, Loyalität oder emotionale Reife aus. Gar nichts. Trotzdem behandeln viele Menschen ihn so, als wäre er ein Zeugnis über ihren Wert.

Wer das glaubt, geht Beziehungen oft mit einem inneren Defizit ein. Man sucht Bestätigung, statt Verbindung.

Man will sich endlich richtig fühlen. Und genau das führt dazu, dass man Dinge akzeptiert, die man eigentlich nicht akzeptieren sollte.

Single zu sein ist kein persönliches Versagen. Es ist ein Lebensabschnitt. Mehr nicht. Und wer aufhört, diesen Zustand als Urteil über sich selbst zu sehen, nimmt extrem viel Druck raus – aus sich selbst und aus zukünftigen Beziehungen.

Fazit

Das Gefühl, gewählt zu werden, kann wie ein kurzer Kick sein. Wie Erleichterung. Wie „endlich bin ich okay“. Aber es hält selten lange, wenn es nicht auf echter Verbindung basiert.

Denn wenn du dich selbst aufgibst, um nicht allein zu sein, bist du zwar nicht mehr single – aber innerlich trotzdem einsam. Und das ist oft schlimmer.

Eine gesunde Beziehung entsteht nicht aus Angst vor dem Alleinsein, sondern aus dem Wunsch nach echter Nähe. Nicht aus Mangel, sondern aus Entscheidung. Nicht, um sich zu beweisen, sondern um sich zu teilen.

Und genau das wird unmöglich, wenn man glaubt, dass man nur dann wertvoll ist, wenn jemand bleibt.

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