Manche Menschen wirken nach außen unglaublich stark. Sie bekommen ihr Leben auf die Reihe, kümmern sich um andere, arbeiten hart und scheinen selten jemanden um etwas bitten zu müssen. Wenn man ihnen begegnet, würde man vielleicht niemals auf die Idee kommen, dass sie mit bestimmten Dingen seit Jahren kämpfen.
Und trotzdem gibt es manchmal Verhaltensweisen, die auffallen, wenn man genauer hinsieht.
Sie entschuldigen sich ständig.
Sie haben große Angst, andere zu enttäuschen.
Sie können kaum Nein sagen.
Sie hinterfragen ihre eigenen Entscheidungen.
Oder sie sind mit sich selbst viel strenger als mit jedem anderen Menschen.
Solche Eigenschaften entstehen natürlich nicht automatisch dadurch, dass jemand einen narzisstischen Elternteil hatte. Jeder Mensch entwickelt sich anders, und auch andere Erfahrungen können eine Rolle spielen. Trotzdem können bestimmte Verhaltensmuster bei Menschen häufiger vorkommen, die als Kinder erlebt haben, dass ein Elternteil sehr stark auf sich selbst, seine eigenen Bedürfnisse und seine eigene Anerkennung konzentriert war.
Das Schwierige daran: Als Kind merkt man oft gar nicht, dass etwas nicht stimmt.
Für ein Kind ist die eigene Familie schließlich die ganze Welt.
Wenn ein Elternteil ständig bestimmen möchte, wie das Kind sich fühlen, verhalten oder entscheiden soll, denkt das Kind nicht unbedingt:
„Meine Grenzen werden hier nicht respektiert.“
Es denkt eher:
„Dann muss ich mich wohl mehr anstrengen.“
Und genau daraus können sich später Muster entwickeln, die einen Erwachsenen noch viele Jahre begleiten.
1. Sie wollen es ständig allen recht machen

Eine der auffälligsten Eigenschaften ist oft eine extreme Anpassung.
Solche Menschen können unglaublich gut darin sein, herauszufinden, was andere von ihnen erwarten.
Sie merken sofort, wenn jemand schlechte Laune hat.
Sie überlegen, bevor sie etwas sagen, wie der andere darauf reagieren könnte.
Sie versuchen Streit zu vermeiden.
Und wenn jemand sie um etwas bittet, sagen sie häufig Ja, obwohl sie eigentlich überhaupt keine Zeit oder Kraft dafür haben.
Das kann im Alltag sogar wie eine besonders liebevolle Eigenschaft aussehen.
Die Freundin ist immer da.
Der Kollege übernimmt ständig zusätzliche Aufgaben.
Die Tochter kümmert sich um alles.
Der Partner versucht, jeden Wunsch zu erfüllen.
Doch irgendwann kommt die Frage:
„Was möchte diese Person eigentlich selbst?“
Und genau darauf wissen manche Menschen erstaunlich wenig zu antworten.
Wenn man als Kind gelernt hat, dass die Stimmung eines Elternteils davon abhängt, wie gut man funktioniert, kann Anpassung irgendwann zur Gewohnheit werden.
Vielleicht war es einfacher, ruhig zu sein, wenn der Vater schlecht gelaunt war.
Vielleicht musste man besonders lieb sein, damit die Mutter zufrieden war.
Vielleicht wurden eigene Wünsche schnell als egoistisch bezeichnet.
Also lernte man:
„Wenn ich mich anpasse, gibt es weniger Ärger.“
Als Erwachsener ist die alte Situation längst vorbei, aber das Verhalten bleibt.
Man sagt Ja.
Man hilft.
Man entschuldigt sich.
Man macht es allen recht.
Und irgendwann ist man selbst völlig erschöpft.
2. Sie entschuldigen sich sogar dann, wenn sie gar nichts falsch gemacht haben

„Tut mir leid.“
Für manche Menschen ist das fast ein Standardwort.
Jemand läuft ihnen auf der Straße in die Schulter?
„Oh, sorry.“
Der Partner ist schlecht gelaunt?
„Habe ich etwas gemacht? Tut mir leid.“
Im Büro wird ihnen eine Aufgabe kurzfristig zusätzlich aufgetragen?
„Sorry, dass ich nicht schneller war.“
Dabei haben sie manchmal überhaupt keinen Grund, sich zu entschuldigen.
Das Problem ist nicht das Wort „Entschuldigung“ an sich. Sich zu entschuldigen, wenn man jemanden verletzt hat, ist etwas Gutes.
Schwierig wird es, wenn eine Person sich automatisch für Dinge verantwortlich fühlt, die überhaupt nicht ihre Verantwortung sind.
Gerade Kinder, die sehr stark auf die Stimmung eines Elternteils achten mussten, können später besonders empfindlich auf schlechte Laune reagieren.
Ein Gesichtsausdruck verändert sich.
Die Stimme klingt etwas kälter.
Jemand antwortet kürzer als sonst.
Und schon beginnt im Kopf:
„Was habe ich falsch gemacht?“
Diese Menschen versuchen oft sofort, die Situation wieder in Ordnung zu bringen.
Sie erklären sich.
Sie entschuldigen sich.
Sie machen einen Schritt zurück.
Sie versuchen, die andere Person wieder zufrieden zu stellen.
Dabei könnte die andere Person einfach einen schlechten Tag haben.
Das ist etwas, das viele erst im Erwachsenenalter langsam lernen müssen:
Nicht jede schlechte Stimmung in deiner Umgebung hat etwas mit dir zu tun.
3. Sie haben Schwierigkeiten damit, ihre eigenen Grenzen zu verteidigen

Grenzen zu setzen klingt einfach.
In der Theorie ist es das auch.
„Nein, das möchte ich nicht.“
„Dafür habe ich keine Zeit.“
„Bitte sprich nicht so mit mir.“
„Ich möchte das selbst entscheiden.“
Doch für jemanden, der schon als Kind gelernt hat, dass Widerstand Probleme verursacht, können diese Sätze unglaublich schwer sein.
Vielleicht wurde ein Nein früher nicht akzeptiert.
Vielleicht wurde man als undankbar bezeichnet.
Vielleicht wurde einem eingeredet, man sei egoistisch.
Vielleicht wurde Liebe oder Aufmerksamkeit entzogen, wenn man nicht so reagierte, wie der Elternteil es wollte.
Dann kann sich im Kopf eine Verbindung bilden:
Grenze setzen = jemanden enttäuschen = Ärger bekommen.
Und genau deshalb lassen manche Menschen später Dinge mit sich machen, die ihnen eigentlich überhaupt nicht gefallen.
Eine Freundin ruft ständig kurzfristig an und erwartet sofort Hilfe.
Ein Partner entscheidet alles allein.
Ein Familienmitglied mischt sich ständig in persönliche Angelegenheiten ein.
Ein Kollege lädt immer mehr Arbeit ab.
Und die betroffene Person sagt nichts.
Nicht weil sie das Verhalten gut findet.
Sondern weil sie Angst vor der Reaktion hat, die ein klares Nein auslösen könnte.
Dabei sind Grenzen keine Bestrafung.
Eine Grenze sagt nicht:
„Du bist schlecht.“
Sie sagt:
„So möchte ich nicht behandelt werden.“
Das zu lernen kann für Menschen mit solchen Erfahrungen ein langer Prozess sein.
4. Sie sind extrem hart zu sich selbst

Manche Menschen haben einen inneren Kritiker, der wirklich keine Pause macht.
Sie erreichen etwas und denken sofort darüber nach, was noch besser hätte sein können.
Sie bekommen Lob und können es kaum annehmen.
Sie machen einen kleinen Fehler und denken noch Tage später darüber nach.
Andere Menschen sehen ihre Leistung und sagen:
„Wow, das hast du wirklich gut gemacht.“
Doch sie selbst denken:
„Na ja, eigentlich hätte ich es besser machen müssen.“
Das kann damit zusammenhängen, wie Anerkennung in der Kindheit erlebt wurde.
Wenn ein Kind das Gefühl bekommt, dass es nur dann Aufmerksamkeit, Lob oder Anerkennung bekommt, wenn es etwas besonders gut macht, kann es irgendwann anfangen, den eigenen Wert an Leistung zu knüpfen.
Dann reicht „gut“ nicht mehr.
Es muss „sehr gut“ sein.
Und selbst „sehr gut“ fühlt sich manchmal nicht ausreichend an.
Das kann später zu einem enormen Druck führen.
Die Person arbeitet länger als alle anderen.
Sie kontrolliert alles mehrfach.
Sie hat Angst vor Fehlern.
Sie möchte niemanden enttäuschen.
Und obwohl andere sie für sehr erfolgreich halten, fühlt sie sich innerlich oft überhaupt nicht so.
Das Verrückte daran ist, dass solche Menschen häufig viel mehr leisten, als eigentlich nötig wäre.
Sie könnten längst zufrieden sein.
Aber sie haben nie gelernt, dass sie auch ohne perfekte Leistung wertvoll sind.
5. Sie haben Schwierigkeiten, anderen wirklich zu vertrauen

Vertrauen ist für viele Menschen selbstverständlich.
Man lernt jemanden kennen, erlebt über längere Zeit, dass diese Person ehrlich ist, und irgendwann fühlt man sich sicher.
Für Menschen mit schwierigen frühen Erfahrungen kann das anders aussehen.
Sie können sich nach Nähe sehnen und gleichzeitig Angst davor haben.
Das kann in Beziehungen besonders deutlich werden.
Vielleicht ist der Partner fünf Minuten später mit seiner Antwort.
Und plötzlich entstehen Gedanken:
„Ist er sauer?“
„Hat er jemand anderen?“
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Will er mich nicht mehr?“
Oder es passiert das Gegenteil.
Die Person lässt niemanden wirklich an sich heran.
Sie erzählt wenig über ihre Gefühle.
Sie vermeidet Verletzlichkeit.
Wenn jemand zu viel Nähe möchte, zieht sie sich zurück.
Beide Reaktionen können unterschiedliche Formen derselben Unsicherheit sein.
Denn wenn man früh gelernt hat, dass eine nahestehende Person gleichzeitig liebevoll und verletzend, aufmerksam und abwertend oder freundlich und plötzlich kalt sein kann, wird es schwerer, Beziehungen als wirklich sicher einzuschätzen.
Man wartet vielleicht ständig darauf, dass sich etwas verändert.
Selbst wenn gerade alles gut ist.
Und genau das kann sehr anstrengend sein.
6. Sie fühlen sich tief im Inneren oft nicht gut genug

Vielleicht ist das die schwierigste Sache überhaupt.
Denn dieses Gefühl muss niemand sehen.
Eine Person kann selbstbewusst auftreten und trotzdem innerlich denken:
„Ich bin nicht genug.“
Sie kann erfolgreich sein und sich trotzdem minderwertig fühlen.
Sie kann geliebt werden und trotzdem Angst haben, dass diese Liebe irgendwann verschwindet.
Sie kann Komplimente bekommen und sie trotzdem nicht glauben.
Und manchmal braucht es nur eine kleine Kritik, damit all diese alten Zweifel wieder auftauchen.
„Du hast das falsch gemacht.“
Für einen anderen Menschen wäre das vielleicht einfach eine normale Rückmeldung.
Für jemanden, der schon früh sehr viel Kritik erfahren hat, kann dieser Satz jedoch viel größer wirken.
Plötzlich fühlt es sich nicht mehr an wie:
„Ich habe einen Fehler gemacht.“
Sondern wie:
„Ich bin ein Fehler.“
Das ist ein riesiger Unterschied.
Ein gesunder Umgang mit Fehlern lautet:
„Das war nicht gut. Ich kann es beim nächsten Mal anders machen.“
Ein sehr strenger innerer Umgang lautet:
„Ich kann nichts.“
Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Ein Fehler sagt nichts darüber aus, welchen Wert ein Mensch hat.
Am Ende geht es darum, sich selbst wieder kennenzulernen
Wenn ein Kind sehr lange damit beschäftigt ist, die Erwartungen eines anderen Menschen zu erfüllen, kann es irgendwann den Kontakt zu den eigenen Wünschen verlieren.
Dann muss es als Erwachsener vielleicht erst wieder herausfinden:
Was möchte ich eigentlich?
Was tut mir gut?
Was möchte ich nicht mehr?
Welche Menschen tun mir wirklich gut?
Welche Dinge mache ich nur, weil ich Angst habe, jemanden zu enttäuschen?
Das kann zunächst ungewohnt sein.
Aber es kann auch unglaublich befreiend sein.
Denn du musst nicht für immer die Person bleiben, die du irgendwann werden musstest, um mit deiner Familie klarzukommen.

