Dating kann sich irgendwann weniger nach einer aufregenden Möglichkeit und mehr nach einer anstrengenden Aufgabe anfühlen. Man lernt jemanden kennen, schreibt einige Tage miteinander, trifft sich, entdeckt erste Gemeinsamkeiten und stellt kurze Zeit später fest, dass grundlegende Vorstellungen überhaupt nicht zusammenpassen. Danach beginnt derselbe Prozess erneut. Besonders Menschen, die nicht einfach irgendeine Beziehung, sondern eine langfristig stabile Partnerschaft suchen, fragen sich deshalb irgendwann, ob sie beim Kennenlernen etwas anders machen sollten.
Dabei liegt das Problem nicht unbedingt darin, dass die eigenen Ansprüche zu hoch sind. Manchmal passiert sogar das Gegenteil. Aus Angst, einen möglicherweise guten Menschen vorschnell auszusortieren, werden Verhaltensweisen entschuldigt, die eigentlich schon früh zeigen, dass eine Verbindung schwierig werden könnte. Man konzentriert sich auf das Potenzial des anderen, wartet auf Veränderungen und investiert immer mehr Zeit in jemanden, der bereits zu Beginn nur wenig von dem zeigt, was man sich langfristig von einer Partnerschaft wünscht.
Nach Hunderten Dates entwickelte sie sieben persönliche Regeln, mit denen sie ungeeignete Männer schneller erkennen wollte. Schließlich lernte sie einen Mann kennen, mit dem sie sich tatsächlich eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte und mit dem sie inzwischen verlobt ist. Ihre Regeln sind teilweise bewusst streng und sicherlich nicht für jeden Menschen gleichermaßen geeignet. Trotzdem steckt dahinter ein interessanter Grundgedanke: Dating sollte nicht hauptsächlich darum gehen, möglichst gut beim Gegenüber anzukommen. Mindestens genauso wichtig ist herauszufinden, ob dieser Mensch das eigene Leben tatsächlich bereichern kann.
1. Sie hörte auf, deutliche Warnsignale mit dem möglichen Potenzial eines Menschen zu entschuldigen

Menschen zeigen beim ersten Kennenlernen selten ihre gesamte Persönlichkeit. Deshalb wäre es unfair, aus jeder ungeschickten Bemerkung oder kleinen Unsicherheit sofort ein endgültiges Urteil abzuleiten. Gleichzeitig gibt es Verhaltensweisen, bei denen übermäßige Geduld dazu führen kann, dass offensichtliche Probleme unnötig lange ignoriert werden.
Cassano entwickelte für sich deshalb eine konsequente Regel, die sie sinngemäß als eine Chance und danach Schluss beschreibt. Sobald ein Mann für sie ein eindeutiges Warnsignal zeigte, führte sie den Kontakt nicht weiter. Dazu gehörten unter anderem abwertende Bemerkungen, Anspruchsdenken, frauenfeindliche Einstellungen, unerwünschte sexuelle Kommentare, das Testen persönlicher Grenzen, ständiges Schlechtreden ehemaliger Partner und auffällig geringer Einsatz. Weil Zuverlässigkeit für sie besonders wichtig war, betrachtete sie auch kurzfristige Absagen oder deutliche Unpünktlichkeit kritisch.
Diese Haltung kann zunächst kompromisslos erscheinen. Trotzdem steckt dahinter eine wichtige Unterscheidung zwischen menschlichen Fehlern und grundlegenden Verhaltensmustern.
Niemand sollte erwarten, dass ein potenzieller Partner vom ersten Moment an alles richtig macht. Menschen können nervös sein, etwas ungeschickt formulieren oder einen schlechten Tag haben. Etwas anderes ist es jedoch, wenn bereits zu Beginn Respektlosigkeit, fehlende Verbindlichkeit oder das bewusste Überschreiten von Grenzen sichtbar werden.
Gerade beim Dating entsteht häufig die Versuchung, problematisches Verhalten durch das vermeintliche Potenzial eines Menschen zu erklären. Vielleicht wird er zuverlässiger, sobald die Beziehung ernster wird. Vielleicht zeigt er später mehr Initiative. Vielleicht meint er seine respektlosen Kommentare gar nicht so.
2. Sie sprach früh über Dinge, die für ihre Zukunft nicht verhandelbar waren

Viele Menschen versuchen am Anfang einer Bekanntschaft, schwierige Themen bewusst zu vermeiden. Gespräche über Kinderwunsch, persönliche Werte, Zukunftspläne oder Vorstellungen von Partnerschaft erscheinen schnell zu ernst. Schließlich möchte niemand aus einem ersten Date sofort ein Bewerbungsgespräch machen.
Diese Vorsicht ist verständlich. Sie kann jedoch dazu führen, dass zwei Menschen eine emotionale Verbindung aufbauen, bevor sie feststellen, dass ihre Lebensvorstellungen überhaupt nicht zusammenpassen.
Cassano wählte deshalb bewusst einen anderen Weg. Noch bevor sie sich mit einem Mann traf, sprach sie offen über drei für sie entscheidende Punkte: ihre damalige intensive Therapie, ihren fehlenden Kinderwunsch und ihren Wunsch nach einer gleichberechtigten Partnerschaft. Ihre Absicht bestand ausdrücklich darin, Menschen auszusortieren, deren Vorstellungen damit nicht vereinbar waren.
Die konkreten Themen sind natürlich sehr persönlich und lassen sich nicht auf jeden Menschen übertragen. Entscheidend ist vielmehr das Prinzip dahinter.
Jeder Mensch besitzt bestimmte Vorstellungen, bei denen langfristige Kompromisse kaum möglich sind. Wenn einer unbedingt Kinder möchte und der andere eindeutig nicht, kann selbst starke gegenseitige Anziehung diesen Unterschied langfristig kaum auflösen. Ähnliches gilt für grundlegende Vorstellungen über Treue, Lebensstil, Wohnort oder Rollen innerhalb einer Beziehung.
3. Sie machte erste Dates bewusst unkompliziert und beobachtete gleichzeitig seine Initiative

Ein erstes Date bekommt schnell eine Bedeutung, die es eigentlich noch gar nicht haben müsste. Man verbringt lange Zeit mit der Vorbereitung, fährt möglicherweise weit, reserviert einen Tisch und plant mehrere Stunden ein. Nach wenigen Minuten kann trotzdem klar sein, dass keinerlei Verbindung entsteht.
Cassano hatte genau diese Erfahrung häufig gemacht. Deshalb reduzierte sie ihren Aufwand drastisch und traf Männer zunächst tagsüber in Cafés in ihrer Umgebung. Ein Kaffee war günstiger und unverbindlicher als ein langes Abendessen. Wenn das Treffen unangenehm war oder offensichtlich keine Verbindung entstand, konnte es außerdem relativ schnell beendet werden.
Gleichzeitig hörte sie auf, diese Treffen vollständig selbst zu organisieren. Die Planung wurde für sie zu einer kleinen Möglichkeit, Initiative zu beobachten.
Ihr späterer Verlobter schlug für ihr erstes Treffen zwei Cafés in ihrer Umgebung und drei mögliche Zeitfenster vor. Besonders bemerkenswert fand sie dabei, dass er selbst gar keinen Kaffee trank. Für sie zeigte dieses Verhalten, dass er sowohl Initiative als auch Flexibilität mitbrachte.
4. Sie achtete darauf, ob ein Mann wirklich etwas über sie erfahren wollte

Ein Gespräch kann stundenlang dauern und trotzdem erstaunlich wenig gegenseitiges Kennenlernen enthalten. Besonders auffällig wird das beim Dating, wenn eine Person hauptsächlich erzählt und die andere überwiegend zuhört.
Cassano bemerkte nach eigener Darstellung bei vielen Dates genau dieses Muster. Einige Männer erzählten nahezu die gesamte Zeit von sich, stellten kaum Fragen und schrieben anschließend trotzdem begeistert, wie großartig sie das Treffen gefunden hätten. Daraufhin begann sie bewusst darauf zu achten, wie viele Fragen ein Mann ihr stellte. Bei weniger als fünf Fragen sank ihr Interesse deutlich, während mehr als zehn Fragen für sie ein wesentlich positiveres Zeichen waren. Bei ihrem späteren Partner verlor sie irgendwann sogar den Überblick.
Natürlich sollte daraus keine mathematische Dating-Regel werden. Ein gutes Gespräch lässt sich nicht zuverlässig anhand einer bestimmten Anzahl von Fragen beurteilen.
Die zugrunde liegende Beobachtung ist trotzdem wichtig.
Menschen können jemanden attraktiv finden und gerne Zeit mit ihm verbringen, ohne sich wirklich intensiv für dessen Persönlichkeit zu interessieren. Echte Neugier geht weiter. Sie zeigt sich darin, dass jemand verstehen möchte, was der andere denkt, erlebt hat und wichtig findet.
5. Sie nutzte selbst kleine Situationen, um Sicherheit und Gleichberechtigung zu erkennen

Eine der ungewöhnlicheren Regeln Cassanos bestand darin, die Rechnung beim Date selbst zu übernehmen. Sie beschreibt diese Entscheidung ausdrücklich als persönliche Strategie und weiß, dass andere Frauen vollkommen anders darüber denken können. Für sie ging es dabei jedoch weniger um das Geld als um die Reaktion ihres Gegenübers.
Sie wollte einerseits verhindern, dass ein Mann aus einer bezahlten Rechnung irgendeinen Anspruch auf ihre Zeit oder körperliche Nähe ableitete. Andererseits betrachtete sie die Reaktion darauf als Hinweis darauf, wie sicher jemand mit traditionellen Rollenbildern umging. Manche Männer reagierten nach ihrer Darstellung verärgert, während andere abfällige Kommentare über Frauen machten. Ihr späterer Partner fragte dagegen zunächst, ob sie sicher sei, bedankte sich und kündigte an, beim nächsten Treffen zu bezahlen.
Unabhängig davon, wer bei einem Date bezahlt, steckt darin ein größerer Gedanke: Kleine Alltagssituationen können manchmal mehr über einen Menschen verraten als große Aussagen.
Fast jeder kann behaupten, Gleichberechtigung wichtig zu finden. Interessanter wird es, wenn eine Situation tatsächlich von gewohnten Rollen abweicht.
6. Sie lernte, ihre Standards auch dann auszusprechen, wenn dadurch ein Kontakt endete

Grenzen zu kennen ist eine Sache. Sie tatsächlich durchzusetzen, ist wesentlich schwieriger.
Viele Menschen können ziemlich genau beschreiben, was sie in einer Beziehung nicht akzeptieren möchten. Sobald sie jedoch jemanden mögen, werden dieselben Regeln plötzlich flexibler. Eine respektlose Bemerkung wird entschuldigt, fehlendes Interesse relativiert und eine überschrittene Grenze noch einmal erklärt.
Cassanos letzte Regel bestand deshalb darin, Kontakte nicht einfach wortlos auslaufen zu lassen, sondern ihre Entscheidung klar zu kommunizieren. Wenn sie ein weiteres Treffen nicht wollte, erklärte sie teilweise konkret, welches Verhalten für sie nicht gepasst hatte. Einige Männer akzeptierten diese Rückmeldung, während andere ausgesprochen aggressiv reagierten. Letztere Reaktion bestätigte für sie zusätzlich, dass die Entscheidung richtig gewesen war.
Diese Vorgehensweise muss selbstverständlich nicht jeder übernehmen. Niemand ist verpflichtet, einem unangenehmen Datingkontakt ausführliches Feedback zu geben. Insbesondere wenn Grenzen nicht respektiert werden oder man sich unsicher fühlt, kann ein direkter Kontaktabbruch vollkommen angemessen sein.
Trotzdem enthält ihre Strategie eine wichtige Erkenntnis: Standards besitzen nur dann wirkliche Bedeutung, wenn man bereit ist, aufgrund dieser Standards jemanden zu verlieren.
Fazit: Die wichtigste Dating-Regel lautet vielleicht, nicht nur ausgewählt werden zu wollen
Cassanos sieben Regeln sind bewusst persönlich und teilweise radikal. Ihr Ein-Chancen-Prinzip, ihre Entscheidung, selbst zu bezahlen, oder ihre konkrete Anzahl erwarteter Fragen müssen keineswegs zu jedem Menschen passen. Trotzdem führte ihre Strategie für sie zu dem gewünschten Ergebnis: Nach Hunderten Dates lernte sie den Mann kennen, mit dem sie heute verlobt ist.
Interessanter als jede einzelne Regel ist deshalb die Haltung, die alle sieben miteinander verbindet.
Cassano versuchte nicht länger hauptsächlich herauszufinden, ob ein Mann sie attraktiv oder interessant genug fand. Sie beobachtete genauso aufmerksam, ob sie ihn überhaupt als langfristigen Partner wollte.
Das klingt selbstverständlich, wird beim Dating jedoch erstaunlich schnell vergessen.
Sobald uns jemand besonders gut gefällt, verschiebt sich die Aufmerksamkeit häufig auf seine Reaktionen. Warum hat er noch nicht geschrieben? Hat ihm das Date gefallen? Wird es ein zweites Treffen geben? Findet er mich interessant genug?
Damit wird der andere unbewusst zum Entscheider, während die eigene Bewertung in den Hintergrund rückt.
Ein gesünderer Ansatz besteht darin, beide Fragen gleichzeitig zu stellen. Natürlich darf man hoffen, dass jemand Interesse hat.
