Manchmal scheitern Menschen nicht daran, dass ihnen Chancen fehlen. Das eigentlich Schwierige besteht darin, dass eine gute Möglichkeit bereits vorhanden ist und trotzdem etwas passiert, das sie wieder zerstört.
Ein vielversprechendes Projekt wird kurz vor dem entscheidenden Schritt aufgegeben, eine Beziehung wird plötzlich beendet, sobald sie ernst und verbindlich wird, oder ein persönliches Ziel wird wochenlang konsequent verfolgt, bevor die Motivation scheinbar ohne nachvollziehbaren Grund zusammenbricht.
Von außen können solche Entscheidungen vollkommen unverständlich wirken. Der betreffende Mensch wollte schließlich genau das, was gerade funktioniert hatte. Er wollte die Beziehung, den beruflichen Erfolg, die Veränderung oder das persönliche Ziel erreichen. Trotzdem verhält er sich irgendwann auf eine Weise, die genau das gefährdet.
Schnell entsteht dann der Eindruck mangelnder Disziplin. Vielleicht glaubt die Person sogar selbst, einfach nicht konsequent genug zu sein. Doch Selbstsabotage ist häufig komplizierter.
Dazu gehören einschränkende Überzeugungen, starke Selbstkritik, fehlende Klarheit über persönliche Werte, Perfektionismus, Schwierigkeiten mit Selbstbehauptung, chronisches Grübeln und schwache persönliche Grenzen.
Das bedeutet nicht, dass jeder abgebrochene Plan automatisch Selbstsabotage darstellt. Manchmal erkennt ein Mensch schlicht, dass ein Ziel nicht mehr zu ihm passt. Eine Beziehung kann beendet werden, weil sie tatsächlich nicht funktioniert, und ein beruflicher Plan darf verändert werden, wenn sich neue Informationen ergeben.
Interessant wird es vielmehr dann, wenn sich dasselbe Muster immer wiederholt. Wenn gute Entwicklungen regelmäßig an einem ähnlichen Punkt scheitern, lohnt es sich möglicherweise, weniger danach zu fragen, warum man wieder versagt hat, und genauer zu betrachten, was unmittelbar vor diesem Rückzug innerlich passiert.
1. Einschränkende Überzeugungen können Erfolg verhindern, lange bevor ein Mensch bewusst aufgibt

Menschen handeln nicht ausschließlich nach objektiven Fakten. Sie orientieren sich auch an Geschichten, die sie über sich selbst und die Welt erzählen.
Genau hier setzt der erste Punkt des Ausgangsartikels an. Wignall beschreibt sogenannte einschränkende Überzeugungen als wenig hilfreiche Vorstellungen, die Menschen davon abhalten können, Erfolg oder Zufriedenheit zu erreichen.
Als Beispiel nennt er eine negative Überzeugung über Geld: Wer tief davon überzeugt ist, dass nur gierige Menschen nach finanziellem Erfolg streben, könnte unbewusst Schwierigkeiten damit entwickeln, die eigenen finanziellen Ziele konsequent zu verfolgen.
Ähnliche Überzeugungen können nahezu jeden Lebensbereich betreffen.
Ein Mensch kann glauben, für eine glückliche Beziehung nicht interessant genug zu sein. Vielleicht ist er überzeugt, dass beruflich erfolgreiche Menschen zwangsläufig ihr Privatleben vernachlässigen oder dass große Ziele ohnehin nur für Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten erreichbar sind.
Solche Gedanken werden besonders problematisch, wenn sie nicht mehr als Gedanken wahrgenommen werden.
Sie erscheinen dann wie Tatsachen.
Genau deshalb kann Selbstsabotage erstaunlich logisch wirken. Wenn jemand tief überzeugt ist, eine gute Beziehung ohnehin irgendwann zu verlieren, kann emotionale Distanz wie Selbstschutz erscheinen. Wenn Erfolg vermeintlich automatisch mit enormem Druck verbunden ist, kann das Aufgeben eines Projekts kurzfristig Erleichterung bringen.
Der Mensch kämpft dann nicht bewusst gegen sein eigenes Glück. Er handelt vielmehr entsprechend einer inneren Überzeugung, die ihm dieses Verhalten vernünftig erscheinen lässt.
2. Ständige Selbstkritik macht schwierige Situationen noch schwerer, als sie ohnehin schon sind

Ein weiterer Grund für Selbstsabotage liegt laut Ausgangsartikel in der Art, wie Menschen innerlich mit sich selbst sprechen.
Viele Menschen können sehr genau erklären, welches Verhalten ihnen immer wieder Probleme bereitet. Sie wissen beispielsweise, dass sie Projekte abbrechen, schwierige Gespräche vermeiden oder persönliche Ziele irgendwann aufgeben.
Wesentlich weniger bewusst ist ihnen häufig, welche Gedanken unmittelbar davor auftauchen.
Wignall beschreibt einen regelrechten Strom aus Selbstkritik und Selbstverurteilung, der solchen Momenten vorausgehen kann.
Manchmal wollen Menschen unbedingt eine Partnerschaft, ohne sich intensiv damit auseinanderzusetzen, welche Art von Beziehung sie eigentlich führen möchten. Dadurch kann bereits das Erreichen des Ziels neue Unsicherheit auslösen.
Ein Mensch wollte schließlich nicht unbedingt diese konkrete Realität. Er wollte möglicherweise hauptsächlich nicht allein sein.
Persönliche Werte schaffen Orientierung.
Je klarer ein Mensch versteht, warum ihm etwas wichtig ist, desto leichter kann er kurzfristige unangenehme Gefühle aushalten.
3. Das eigentliche Problem wird dadurch emotional doppelt belastend: Ein Mensch kämpft nicht nur mit einer schwierigen

Situation, sondern kritisiert sich gleichzeitig dafür, dass ihm diese Situation überhaupt schwerfällt.
Aus einer beruflichen Herausforderung wird dann schnell die Überzeugung, grundsätzlich nicht kompetent genug zu sein.
Aus einem Fehler wird persönliches Versagen.
Aus Unsicherheit wird der vermeintliche Beweis dafür, schwach zu sein.
Diese zusätzliche Belastung kann irgendwann genau den Rückzug auslösen, der später als Selbstsabotage wahrgenommen wird.
Dabei wird Selbstkritik häufig mit Motivation verwechselt. Manche Menschen glauben, besonders streng mit sich umgehen zu müssen, damit sie leistungsfähig bleiben.
Kurzfristig kann dieser Druck tatsächlich funktionieren. Langfristig besitzt er jedoch einen hohen Preis.
Wer bei jedem Fehler sofort seinen eigenen Wert infrage stellt, verbindet Herausforderungen zunehmend mit emotionalem Schmerz. Irgendwann erscheint es attraktiver, eine Situation vollständig zu verlassen, als erneut das Gefühl persönlichen Versagens auszuhalten.
Ein freundlicherer Umgang mit sich selbst bedeutet deshalb nicht, Verantwortung abzulehnen.
Menschen können einen Fehler anerkennen und trotzdem darauf verzichten, daraus ein Urteil über ihre gesamte Persönlichkeit zu machen.
Gerade dadurch entsteht möglicherweise mehr Kraft, einen schwierigen Moment auszuhalten, statt sofort alles hinzuwerfen.
4. Wer nicht genau weiß, warum er etwas möchte, verliert sein Ziel leichter aus den Augen

Manche Ziele klingen auf dem Papier hervorragend.
Mehr Sport treiben. Gesünder leben. Geld sparen. Beruflich erfolgreicher werden. Eine stabile Beziehung führen. Ein eigenes Projekt aufbauen.
Doch warum möchte ein Mensch das eigentlich?
Der Ausgangsartikel bezeichnet fehlende Klarheit über persönliche Werte als einen häufig unterschätzten Grund für Selbstsabotage.
Wignall verwendet das Beispiel einer Ernährungsumstellung. Abnehmen oder besser aussehen zu wollen, kann zunächst ein Ziel sein. Entscheidend wird jedoch die Frage, weshalb dieses Ziel persönlich wichtig ist und welches größere Bedürfnis dahintersteht.
Diese Unterscheidung wird besonders dann wichtig, wenn Motivation nachlässt.
Am Anfang eines neuen Vorhabens kann Begeisterung ausreichend sein. Alles fühlt sich neu an und Fortschritte sind möglicherweise schnell sichtbar.
Nach einigen Wochen verändert sich die Situation. Dann wird das Ziel unbequem.
Genau in diesem Moment braucht ein Mensch einen stärkeren Grund als die ursprüngliche Begeisterung.
Wer beispielsweise mehr Energie haben möchte, um aktiver am Familienleben teilnehmen zu können, besitzt möglicherweise eine persönlichere Motivation als jemand, der lediglich einem abstrakten Ideal folgen möchte.
Ähnliches gilt für Beziehungen.
Das Ziel bekommt dadurch einen emotionalen Zusammenhang.
Selbstsabotage verschwindet damit nicht automatisch. Doch ein starkes persönliches Warum kann verhindern, dass ein vorübergehender Moment von Frustration plötzlich wichtiger wird als etwas, das langfristig wirklich Bedeutung besitzt.
5. Perfektionismus lässt Menschen häufig genau dann aufgeben, wenn normales Durchhalten notwendig wäre

Perfektionismus sieht von außen oft wie außergewöhnlicher Ehrgeiz aus.
Der Mensch möchte hervorragende Arbeit leisten, setzt hohe Standards und gibt sich nicht mit mittelmäßigen Ergebnissen zufrieden. Daran muss zunächst nichts problematisch sein.
Schwierig wird es, wenn hohe Standards unrealistisch werden.
Wignall beschreibt Perfektionismus im Ausgangsartikel als eine Abhängigkeit von unangemessenen Erwartungen. Wer beispielsweise ständig glaubt, noch mehr arbeiten zu müssen, nur weil theoretisch noch mehr möglich wäre, erzeugt einen Standard, der praktisch niemals vollständig erfüllt werden kann.
Damit wird Erfolg beinahe unmöglich. Denn egal wie viel erreicht wird, es wäre theoretisch immer noch etwas mehr möglich gewesen.
Der Mensch erlebt deshalb nicht dauerhaft Motivation, sondern wiederkehrende Enttäuschung.
Irgendwann entsteht Erschöpfung. Genau an diesem Punkt kann Selbstsabotage paradoxerweise Erleichterung bringen.
Wer ein Projekt selbst beendet, muss sich nicht mehr täglich damit auseinandersetzen, den eigenen unrealistischen Erwartungen nicht zu entsprechen. Wer eine Möglichkeit gar nicht erst vollständig verfolgt, kann später glauben, theoretisch erfolgreich gewesen zu sein, wenn er es wirklich versucht hätte.
6. Wer andere niemals enttäuschen möchte, kann die eigenen Bedürfnisse irgendwann vollständig aus den Augen verlieren

Ein weiterer tiefer liegender Grund für Selbstsabotage besteht laut Wignall in Schwierigkeiten mit selbstbewusster Kommunikation.
Viele Menschen haben gelernt, dass es egoistisch, unhöflich oder rücksichtslos sei, klar auszusprechen, was sie brauchen. Deshalb vermeiden sie direkte Wünsche und passen sich lieber an. Das Problem liegt auf der Hand: Eigene Ziele lassen sich schwer erreichen, wenn man gleichzeitig große Angst davor besitzt, das einzufordern, was dafür notwendig wäre.
Besonders deutlich zeigt sich das im Berufsleben.
Vielleicht möchte jemand mehr Verantwortung übernehmen, traut sich jedoch nicht, danach zu fragen.
Ein anderer Mensch benötigt Unterstützung, möchte Kollegen aber nicht belasten.
Wieder jemand übernimmt immer zusätzliche Aufgaben, obwohl dadurch kaum Zeit für die eigenen wichtigen Projekte bleibt.
Von außen wirkt dieses Verhalten möglicherweise besonders hilfsbereit.
Langfristig kann jedoch Frustration entstehen.
Das eigene Leben wird zunehmend nach den Erwartungen anderer organisiert, während persönliche Ziele immer weiter nach hinten verschoben werden.
Irgendwann erscheint es dann so, als würde der Mensch seine eigenen Chancen zerstören.
Tatsächlich hat er möglicherweise nie gelernt, genügend Raum für sie zu schaffen.
Selbstbehauptung bedeutet dabei nicht, ausschließlich die eigenen Interessen durchzusetzen.
Fazit: Selbstsabotage bedeutet nicht unbedingt, dass Menschen keine guten Dinge wollen
Von außen kann Selbstsabotage ausgesprochen widersprüchlich erscheinen.
Ein Mensch arbeitet jahrelang auf etwas hin und zieht sich zurück, sobald Erfolg realistisch wird. Jemand wünscht sich emotionale Nähe und beendet Beziehungen, sobald sie ernst werden. Ein persönliches Ziel wird immer wieder begonnen und irgendwann an beinahe derselben Stelle aufgegeben.
Schnell entsteht die Frage: Wenn dieser Mensch das wirklich möchte, warum zerstört er es dann selbst?
Die sieben Gründe aus dem YourTango-Beitrag zeigen, weshalb die Antwort komplizierter sein kann.
Einschränkende Überzeugungen können einem Menschen vermitteln, dass er bestimmte Dinge ohnehin nicht verdient oder erreichen kann. Selbstkritik macht schwierige Phasen emotional noch belastender. Fehlende Klarheit über persönliche Werte schwächt die Motivation.
Perfektionismus verwandelt normale Fehler in scheinbares Versagen. Angst vor Selbstbehauptung lässt eigene Bedürfnisse in den Hintergrund rücken. Chronische Sorgen machen Unsicherheit schwer erträglich, während schwache Grenzen das Vertrauen in die eigenen Entscheidungen untergraben.

