Kinder lernen nicht nur durch das, was Eltern ihnen direkt sagen. Sie lernen auch durch die Atmosphäre zu Hause. Sie merken, ob ihre Gefühle willkommen sind, ob jemand zuhört, ob Fehler erlaubt sind und ob sie selbst mit ihren Bedürfnissen Platz haben.
Wenn Eltern sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind, kann ein Kind deshalb früh lernen, sich zurückzunehmen. Es merkt vielleicht, dass die Stimmung der Eltern wichtiger ist als die eigene. Es versucht, keinen zusätzlichen Stress zu verursachen, wird besonders angepasst oder kümmert sich schon früh um Dinge, die eigentlich Erwachsene übernehmen sollten.
Solche Verhaltensweisen können später sehr nützlich wirken. Ein Mensch ist vielleicht besonders hilfsbereit, selbstständig oder aufmerksam. Gleichzeitig können genau diese Eigenschaften im Erwachsenenalter anstrengend werden, wenn man sie nie abschalten kann.
Nicht jeder Erwachsene mit einem dieser Muster hatte selbstbezogene Eltern. Und eine schwierige Kindheit führt nicht automatisch zu denselben Verhaltensweisen. Trotzdem gibt es einige Gewohnheiten, die sich bei Menschen zeigen können, die als Kinder wenig Raum für ihre eigenen Bedürfnisse hatten.
1. Sie versuchen ständig, es allen recht zu machen

Wenn ein Kind früh gelernt hat, dass die Stimmung der Eltern von großer Bedeutung ist, kann es anfangen, sich besonders stark an anderen zu orientieren.
Vielleicht merkt es schon als Kind:
„Wenn Mama schlecht gelaunt ist, sollte ich lieber ruhig sein.“
Oder:
„Wenn Papa zufrieden ist, ist zu Hause alles einfacher.“
Das Kind beginnt dadurch, sein eigenes Verhalten danach auszurichten, wie andere reagieren.
Als Erwachsener kann daraus ein starkes Bedürfnis entstehen, es allen recht zu machen.
Man sagt Ja, obwohl man Nein meint. Man übernimmt zusätzliche Aufgaben, obwohl man eigentlich keine Zeit hat. Man entschuldigt sich schnell, auch wenn man gar nichts falsch gemacht hat.
Das Problem ist nicht Hilfsbereitschaft.
Das Problem entsteht, wenn man die eigenen Wünsche kaum noch wahrnimmt, weil man ständig damit beschäftigt ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Irgendwann kann sogar die einfache Frage „Was möchtest du eigentlich?“ unangenehm werden.
Denn wenn man jahrelang zuerst überlegt hat, was andere brauchen, ist es gar nicht so leicht, die eigene Antwort zu finden.
2. Sie beobachten die Stimmung anderer sehr genau

Manche Menschen betreten einen Raum und merken sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Sie hören an der Stimme, dass jemand genervt ist. Sie bemerken eine kleine Veränderung im Gesichtsausdruck. Sie überlegen sofort, warum jemand plötzlich weniger spricht.
Diese Aufmerksamkeit kann eine Stärke sein.
Sie kann aber auch sehr anstrengend werden.
Wer als Kind häufig die Stimmung eines selbstbezogenen oder unberechenbaren Elternteils beobachten musste, konnte dadurch lernen, ständig nach möglichen Problemen zu suchen.
War Mama heute gut gelaunt?
Ist Papa gerade wütend?
Sollte ich lieber nichts sagen?
Kann ich etwas tun, damit die Stimmung wieder besser wird?
Diese Art der Aufmerksamkeit verschwindet nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden.
Dann wird beispielsweise der Partner plötzlich still und sofort beginnt das Gedankenkarussell:
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Ist er sauer auf mich?“
„Warum antwortet er so kurz?“
Dabei muss die andere Person vielleicht einfach nur müde sein.
Der Erwachsene interpretiert trotzdem jede kleine Veränderung, weil sein Gehirn irgendwann gelernt hat, dass die Stimmung anderer wichtig für die eigene Sicherheit sein kann.
3. Sie verstecken häufig, wie es ihnen wirklich geht

Wenn die eigenen Gefühle in der Kindheit wenig Platz hatten, kann Offenheit später schwerfallen.
Ein Kind möchte vielleicht erzählen, dass es traurig ist, Angst hat oder sich verletzt fühlt. Wenn die Eltern darauf genervt reagieren, das Thema wechseln oder deutlich machen, dass sie für solche Gefühle keine Zeit haben, lernt das Kind eine einfache Lektion:
Meine Gefühle sind besser aufgehoben, wenn ich sie für mich behalte.
Als Erwachsener kann daraus ein Mensch werden, der nach außen sehr ruhig wirkt.
Er sagt:
„Alles gut.“
„Ich bin nur müde.“
„Ist schon okay.“
Obwohl innerlich längst etwas anderes passiert.
Dabei geht es nicht darum, dass diese Menschen keine Gefühle haben. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.
Sie haben möglicherweise sehr starke Gefühle, wissen aber nicht, wie sie sie sicher ausdrücken können.
Deshalb fällt es ihnen leichter, andere zu unterstützen, als selbst zu sagen:
„Ich brauche gerade Hilfe.“
4. Sie halten schlechtes Verhalten länger aus, als ihnen guttut

Menschen, die in einem schwierigen familiären Umfeld aufgewachsen sind, können später manchmal erstaunlich viel tolerieren.
Eine schlechte Behandlung fühlt sich für sie nicht unbedingt sofort ungewöhnlich an.
Vielleicht kennen sie Streit, emotionale Kälte, Schuldzuweisungen oder ständige Kritik bereits aus ihrer Kindheit.
Dadurch kann sich eine problematische Situation später sogar vertraut anfühlen.
Das bedeutet nicht, dass sie bewusst nach schlechten Beziehungen suchen.
Es kann vielmehr sein, dass ihre persönliche Grenze dafür, was „noch auszuhalten“ ist, sehr weit nach hinten verschoben wurde.
Während ein anderer Mensch vielleicht bereits sagt:
„So lasse ich nicht mit mir umgehen“,
denkt diese Person noch:
„Vielleicht wird es besser.“
Oder:
„Ich muss einfach geduldiger sein.“
Oder:
„So schlimm ist es doch eigentlich gar nicht.“
Besonders schwierig wird es, wenn sie gleichzeitig das Gefühl hat, für das Wohlergehen des anderen verantwortlich zu sein.
Dann kann das Verlassen einer ungesunden Beziehung sich nicht wie Selbstschutz anfühlen, sondern wie das Aufgeben eines Menschen.
5. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie sich selbst an erste Stelle setzen

Sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sollte eigentlich etwas völlig Normales sein.
Trotzdem kann es für manche Menschen erstaunlich schwer sein.
Sie möchten einen freien Abend?
Schlechtes Gewissen.
Sie brauchen Ruhe?
Schlechtes Gewissen.
Sie sagen eine Einladung ab?
Wieder ein schlechtes Gewissen.
Sie kaufen etwas für sich selbst?
Vielleicht denken sie sofort:
„Eigentlich hätte ich das Geld für etwas anderes verwenden sollen.“
Menschen mit solchen Mustern können Angst davor haben, egoistisch zu wirken.
Gerade wenn sie mit einem Elternteil aufgewachsen sind, der selbst sehr selbstbezogen war, kann dieser Widerspruch besonders stark sein.
Sie möchten auf keinen Fall so werden wie der eigene Elternteil.
Deshalb gehen sie in die andere Richtung und stellen die Bedürfnisse aller anderen ständig über die eigenen.
Doch sich selbst wichtig zu nehmen bedeutet nicht, andere zu ignorieren.
Es bedeutet lediglich, die eigenen Bedürfnisse als genauso berechtigt anzuerkennen.
Wer immer nur gibt, irgendwann aber völlig erschöpft ist, hilft damit letztlich auch niemandem.
6. Sie bitten nur sehr selten um Hilfe

Manche Menschen wirken unglaublich unabhängig.
Sie organisieren alles alleine. Sie lösen Probleme selbst. Sie fragen kaum jemanden um Unterstützung.
Von außen kann das bewundernswert aussehen.
Doch manchmal steckt dahinter nicht nur Selbstständigkeit.
Vielleicht hat diese Person schon als Kind gelernt, dass sie sich auf niemanden verlassen kann.
Wenn Eltern wenig Zeit für die Probleme ihres Kindes hatten, musste es viele Dinge selbst herausfinden.
Hausaufgaben?
Alleine.
Probleme mit Freunden?
Alleine.
Angst oder Sorgen?
Lieber nicht ansprechen.
Diese Erfahrungen können später zu einem starken Bedürfnis nach Unabhängigkeit führen.
Man möchte niemandem zur Last fallen.
Man möchte nicht abhängig sein.
Und vor allem möchte man nicht das Gefühl haben, jemanden um etwas bitten zu müssen.
Deshalb sagt man lieber:
„Ich schaffe das schon.“
Auch wenn man es eigentlich nicht schafft.
Hilfe anzunehmen ist jedoch keine Schwäche. In gesunden Beziehungen gehört gegenseitige Unterstützung ganz selbstverständlich dazu.
Fazit
Wer mit sehr selbstbezogenen Eltern aufwächst, kann als Kind lernen, sich selbst zurückzunehmen, um mit dem familiären Alltag zurechtzukommen.
Im Erwachsenenalter kann sich das unter anderem darin zeigen, dass man es allen recht machen möchte, die Stimmung anderer ständig beobachtet, eigene Gefühle versteckt, schlechtes Verhalten zu lange toleriert, sich beim Selbstfürsorge schuldig fühlt, nur ungern um Hilfe bittet oder ständig nach Anerkennung sucht.
Keines dieser Verhaltensmuster beweist, wie jemand aufgewachsen ist. Menschen entwickeln solche Eigenschaften aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen, wenn man sich in mehreren dieser Punkte wiedererkennt.
Denn Selbstständigkeit ist schön. Hilfsbereitschaft ist wertvoll. Empathie ist eine Stärke.
Aber man sollte dafür nicht ständig die eigenen Bedürfnisse aufgeben müssen.
Man darf lernen, dass die Gefühle anderer nicht immer die eigene Verantwortung sind. Man darf Hilfe brauchen. Man darf Nein sagen. Und man darf sich selbst wichtig nehmen, ohne dadurch zu einem egoistischen Menschen zu werden.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Veränderungen im Erwachsenenalter: zu erkennen, dass man heute nicht mehr nach den Regeln leben muss, die man als Kind gebraucht hat.

