Eine Scheidung ist selten einfach. Selbst wenn beide Menschen wissen, dass die Ehe keine Zukunft mehr hat, müssen plötzlich zahlreiche Entscheidungen getroffen werden: Wer bekommt das Haus? Wie werden gemeinsame Besitztümer aufgeteilt? Was passiert mit dem Geld? Und wenn Kinder da sind, kommen noch viel schwierigere Fragen rund um Betreuung und Alltag hinzu.
In einer solchen Situation können Gefühle schnell die Kontrolle übernehmen. Enttäuschung, Wut, Verletzung und das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, machen es manchmal schwer, noch vernünftig miteinander zu sprechen.
Dabei ist ein gewisses Maß an Entgegenkommen nicht dasselbe wie Nachgeben. Ein gesunder Kompromiss bedeutet nicht, dass eine Person alles akzeptieren muss. Es geht vielmehr darum, eine Lösung zu finden, mit der beide Seiten leben können. Genau das kann während einer Scheidung allerdings besonders schwierig sein.
Manche Verhaltensweisen machen den Prozess zusätzlich kompliziert. Sie sorgen dafür, dass aus einer ohnehin schmerzhaften Trennung ein jahrelanger Machtkampf wird.
1. Sie wollen bei keiner einzigen Sache entgegenkommen

Bei einer Scheidung müssen zwangsläufig Kompromisse gefunden werden. Nicht jede Person kann alles bekommen, was sie möchte.
Problematisch wird es, wenn jemand grundsätzlich jede Einigung ablehnt. Dann wird selbst eine kleine Entscheidung zum Streit. Wer bekommt bestimmte Möbel? Wer darf bestimmte Dinge behalten? Wann werden die Kinder abgeholt? Welche Kosten übernimmt wer?
Natürlich gibt es Situationen, in denen man unbedingt für seine Interessen einstehen muss. Gerade bei wichtigen rechtlichen oder finanziellen Fragen sollte niemand einfach nachgeben, nur um Ruhe zu haben.
Doch zwischen berechtigtem Einstehen für die eigenen Rechte und dem grundsätzlichen Ablehnen jeder Lösung liegt ein großer Unterschied.
Wer aus Prinzip niemals entgegenkommt, macht den Prozess für alle Beteiligten unnötig schwer.
2. Aus Verletzung wird Rache

Eine Scheidung kann sehr verletzend sein. Besonders dann, wenn eine Person das Gefühl hat, vom Partner betrogen, belogen oder unfair behandelt worden zu sein.
Aus dieser Verletzung kann jedoch leicht der Wunsch entstehen, dem anderen ebenfalls wehzutun.
Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, die Ehe möglichst vernünftig zu beenden. Stattdessen entsteht der Gedanke: „Jetzt soll er auch spüren, wie schlecht es mir geht.“
Rache kann kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle geben. Langfristig hält sie einen Menschen allerdings häufig genau an dem Konflikt fest, von dem er sich eigentlich lösen möchte.
Wer jede Entscheidung dazu benutzt, den Ex-Partner zu bestrafen, verlängert damit oft den eigenen Stress.
3. Es geht nur noch darum, zu gewinnen

Eine Scheidung ist kein Wettbewerb.
Trotzdem kann genau dieses Gefühl entstehen. Einer möchte unbedingt mehr bekommen, unbedingt Recht haben oder unbedingt als diejenige Person dastehen, die „gewonnen“ hat.
Dann wird aus einer sachlichen Verhandlung schnell ein Kampf.
Selbst kleine Fragen werden zu einem Beweis dafür, wer stärker ist. Wenn der Ex-Partner etwas möchte, wird automatisch dagegen argumentiert – nicht weil der Wunsch tatsächlich problematisch ist, sondern weil man ihm nichts gönnen möchte.
Das kann den gesamten Prozess verlängern.
Am Ende ist die entscheidende Frage nicht, wer die Scheidung „gewonnen“ hat. Viel wichtiger ist, wie beide Menschen danach weiterleben können.
4. Plötzlich dreht sich alles nur noch um sie selbst

Während einer Scheidung können Menschen sehr stark auf die eigenen Bedürfnisse konzentriert sein. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Schließlich verändert sich das eigene Leben grundlegend.
Problematisch wird es, wenn für die Gefühle und Bedürfnisse des anderen überhaupt kein Platz mehr bleibt.
Das kann sich besonders schwierig auswirken, wenn Kinder betroffen sind. Dann müssen beide Eltern trotz aller persönlichen Verletzungen Entscheidungen treffen, die nicht nur ihnen selbst, sondern auch den Kindern zugutekommen.
Auch hier sollte man vorsichtig mit Begriffen wie „Narzissmus“ umgehen. Ein egoistisches oder sehr selbstbezogenes Verhalten während einer extrem belastenden Lebensphase bedeutet nicht automatisch, dass jemand eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat.
Entscheidend ist das konkrete Verhalten.
5. Sie versucht, alles zu kontrollieren

Manche Menschen reagieren auf eine Scheidung mit einem besonders starken Bedürfnis nach Kontrolle.
Sie möchten bestimmen, wann etwas passiert, wie der andere sich verhalten soll und welche Entscheidungen getroffen werden.
Das kann sogar bei Kleinigkeiten anfangen. Wer fährt die Kinder? Wann darf der Ex sie sehen? Was darf er mitnehmen? Welche Regeln gelten?
Ein gewisses Maß an Organisation ist natürlich notwendig. Eine Scheidung bringt schließlich viele praktische Fragen mit sich.
Kontrolle wird aber zum Problem, wenn die andere Person überhaupt keinen eigenen Handlungsspielraum mehr haben darf.
Eine Trennung bedeutet schließlich auch, dass zwei Menschen beginnen, ihr Leben wieder getrennt voneinander zu organisieren.
6. Sie sieht sich ausschließlich als Opfer

Wenn eine Beziehung endet, hat meistens nicht nur eine Person Gefühle.
Trotzdem kann es passieren, dass jemand ausschließlich die eigene Verletzung wahrnimmt und für den Anteil des anderen überhaupt keinen Raum lässt.
„Er hat alles kaputt gemacht.“
„Alles ist seine Schuld.“
„Ich habe überhaupt nichts falsch gemacht.“
Solche Gedanken können verständlich sein, besonders unmittelbar nach einer schmerzhaften Trennung. Auf Dauer können sie jedoch verhindern, dass man die eigene Geschichte wirklich verarbeitet.
Selbst wenn der Ex-Partner tatsächlich für schwerwiegende Dinge verantwortlich war, bedeutet das nicht automatisch, dass man selbst keinen Anteil an bestimmten Problemen hatte.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet dabei nicht, die Schuld für alles auf sich zu nehmen. Es bedeutet lediglich, ehrlich auf den eigenen Anteil zu schauen.
7. Sie verdreht die Wahrheit

Eine Scheidung kann einen starken Anreiz schaffen, die eigene Geschichte möglichst positiv und die des Ex-Partners möglichst negativ darzustellen.
Manche Menschen erzählen dann nur noch die Version, die ihnen selbst Vorteile bringt. Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen, Ereignisse anders dargestellt oder wichtige Details weggelassen.
Gerade wenn Anwälte, Gerichte oder Kinder involviert sind, kann Unehrlichkeit enorme Konsequenzen haben.
Vertrauen ist ohnehin häufig einer der Punkte, an denen eine Ehe zerbrochen ist. Wenn während der Scheidung zusätzlich mit Unwahrheiten gearbeitet wird, wird eine vernünftige Einigung noch schwieriger.
Deshalb ist es gerade in einer Trennung wichtig, bei überprüfbaren Fakten zu bleiben.
8. Sie setzt ihre Gefühle als Druckmittel ein

Emotionen gehören zu einer Scheidung dazu. Niemand muss so tun, als würde ihn die Situation nicht belasten.
Etwas anderes ist es jedoch, Gefühle gezielt einzusetzen, um den anderen zu etwas zu zwingen.
Schuldgefühle, Drohungen, Angst oder emotionale Erpressung können kurzfristig funktionieren. Der andere gibt vielleicht nach, nur damit endlich Ruhe herrscht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass dadurch eine faire Lösung entstanden ist.
Besonders problematisch wird emotionale Manipulation, wenn Kinder als Druckmittel verwendet werden. Dann geraten sie in einen Konflikt, für den sie überhaupt nicht verantwortlich sind.
Auch während einer schwierigen Scheidung sollte deshalb versucht werden, persönliche Verletzungen und praktische Entscheidungen voneinander zu trennen.
9. Sie hält ständig neue Konflikte am Leben

Manche Trennungen werden nicht deshalb so lang und anstrengend, weil es tatsächlich so viele ungelöste Probleme gibt. Manchmal wird immer wieder ein neuer Streit begonnen.
Eine alte Aussage wird hervorgeholt. Ein kleiner Fehler wird zum großen Thema. Eine Kleinigkeit aus dem Alltag wird plötzlich zum Anlass für eine weitere Auseinandersetzung.
Dadurch entsteht ein Kreislauf.
Je mehr gestritten wird, desto größer wird die Wut. Je größer die Wut wird, desto schwieriger wird eine vernünftige Kommunikation. Und je schlechter die Kommunikation funktioniert, desto mehr neue Konflikte entstehen.
Gerade deshalb kann es hilfreich sein, sich immer wieder zu fragen: Muss dieses Thema wirklich noch geklärt werden – oder geht es gerade nur darum, den anderen nicht davonkommen zu lassen?
10. Sie weigert sich, irgendwann zu vergeben

Vergebung bedeutet nicht, dass man vergessen muss, was passiert ist.
Man kann jemandem vergeben und trotzdem entscheiden, dass man mit dieser Person keine Beziehung mehr führen möchte. Man kann eine Verletzung akzeptieren, ohne das Verhalten des anderen gutzuheißen.
Gerade nach einer schwierigen Ehe kann es lange dauern, bis Vergebung überhaupt möglich ist.
Trotzdem kann irgendwann der Punkt kommen, an dem man sich selbst fragen muss, ob man weiterhin jeden Tag mit der Vergangenheit kämpfen möchte.
Denn manchmal hält nicht mehr die Liebe zwei Menschen miteinander verbunden, sondern die Wut.
Wer den Ex-Partner innerlich weiterhin für jede alte Verletzung bestrafen möchte, bleibt dadurch selbst an die gemeinsame Vergangenheit gebunden.
Loszulassen bedeutet deshalb nicht, dass plötzlich alles in Ordnung war. Es bedeutet lediglich, dass die Vergangenheit nicht mehr jeden zukünftigen Schritt bestimmen soll.
Fazit
Eine Scheidung kann Menschen an ihre emotionalen Grenzen bringen. Wer verletzt wurde, darf wütend sein. Wer unfair behandelt wurde, darf sich wehren. Und wer Angst um seine finanzielle oder familiäre Zukunft hat, muss seine Interessen schützen.
Trotzdem macht es einen großen Unterschied, ob jemand für seine Rechte einsteht oder ob die gesamte Scheidung zu einem persönlichen Rachefeldzug wird.
Keine Kompromissbereitschaft, ständiger Streit, Manipulation, Kontrolle und der Wunsch, unbedingt als Gewinner hervorzugehen, können eine ohnehin schwierige Situation noch belastender machen.
Besonders wenn Kinder beteiligt sind, sollte das Ziel nicht darin bestehen, den anderen zu besiegen. Die Ehe kann enden, aber die Verantwortung als Eltern bleibt bestehen.
Am Ende ist eine Scheidung nicht dann erfolgreich, wenn eine Person alles bekommt, was sie wollte. Sie ist erfolgreich, wenn beide irgendwann wieder in der Lage sind, ihr eigenes Leben weiterzuführen, ohne jeden neuen Tag zu einem Kampf mit der Vergangenheit zu machen.
Manchmal ist der stärkste Schritt deshalb nicht der, bei dem man noch einmal gewinnt, sondern der, bei dem man endlich aufhört zu kämpfen.

