Es gibt Menschen, mit denen man selbst über unangenehme Dinge sprechen kann, ohne sich danach schlecht zu fühlen. Sie müssen nicht immer derselben Meinung sein. Sie sagen auch nicht zu allem Ja. Trotzdem hat man bei ihnen das Gefühl, dass sie wirklich zuhören und einen als Menschen respektieren.
Genau das steckt hinter einer guten Gesprächskultur. Es geht nicht darum, jedes Wort perfekt zu wählen oder immer ruhig und freundlich zu bleiben. Es geht vielmehr darum, ehrlich zu kommunizieren, ohne die Gefühle oder die Würde des anderen unnötig zu verletzen.
Interessant ist deshalb, welche Sätze solche Menschen gerade in schwierigen Gesprächen vermeiden. Denn manche Formulierungen hören wir ständig, obwohl sie ein Gespräch schnell verschlechtern können.
Das ist einer dieser Sätze, die einen Konflikt selten besser machen.
Wenn jemand erzählt, dass ihn etwas verletzt hat, wird mit „Du bist zu empfindlich“ nicht wirklich auf das Problem eingegangen. Stattdessen wird die Reaktion des anderen zum eigentlichen Problem gemacht.
Dabei muss man die Gefühle eines Menschen nicht automatisch genauso beurteilen wie er selbst.
Du kannst beispielsweise denken, dass eine Bemerkung harmlos war. Gleichzeitig kannst du akzeptieren, dass sie bei deinem Gegenüber anders angekommen ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Jemandem zuzuhören bedeutet nicht automatisch, ihm recht zu geben. Es bedeutet zunächst einmal, anzuerkennen, dass seine Wahrnehmung und seine Gefühle existieren.
Menschen mit guter Gesprächskultur können deshalb sagen: „Ich wollte dich damit nicht verletzen“ oder „Ich verstehe, dass du das anders aufgefasst hast.“
Das ist etwas völlig anderes als: „Du bist einfach zu empfindlich.“
Denn wer ständig hört, dass er überreagiert, beginnt irgendwann vielleicht sogar, den eigenen Gefühlen zu misstrauen.
Ehrlichkeit ist etwas Gutes. Niemand möchte ständig von Menschen umgeben sein, die einem nur das sagen, was man hören möchte.
Aber „Ich bin nur ehrlich“ kann manchmal als Freifahrtschein für unnötige Härte benutzt werden.
Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen ehrlicher Kritik und einer Aussage, die einfach nur verletzend ist.
Wenn eine Freundin dich beispielsweise nach deiner Meinung fragt, darfst du ehrlich sagen, dass du eine Entscheidung nicht nachvollziehen kannst. Wenn du einen Menschen liebst, darfst du ihn sogar auf Dinge aufmerksam machen, die er vielleicht nicht sehen möchte.
Aber du musst ihn dafür nicht kleinmachen.
„Ich sehe das anders, weil …“ ist etwas anderes als „Wie kann man nur so etwas machen?“
Beide Aussagen können dieselbe Kritik enthalten. Nur die eine eröffnet ein Gespräch, während die andere den anderen sofort in eine Verteidigungshaltung bringt.
Gute Kommunikation bedeutet also nicht, weniger ehrlich zu sein. Sie bedeutet, sich auch bei der Ehrlichkeit zu fragen: Was möchte ich eigentlich erreichen?
Will ich wirklich helfen oder möchte ich nur einmal meine Meinung loswerden?
3. „Beruhig dich.“
Dieser Satz hat wahrscheinlich schon mehr als einen Streit verschlimmert.
Wenn jemand wütend oder emotional ist und man ihm sagt, er solle sich beruhigen, fühlt sich das für die Person oft nicht wie Unterstützung an. Eher so, als würde ihre Emotion selbst zum Problem erklärt.
Natürlich kann es sinnvoll sein, eine Pause einzulegen. Gerade wenn beide Seiten sehr aufgebracht sind, bringt es wenig, immer weiterzureden.
Aber es kommt darauf an, wie man das vermittelt.
„Beruhig dich“ klingt schnell nach einer Anweisung.
„Lass uns kurz durchatmen und dann weiterreden“ klingt dagegen nach einem gemeinsamen Versuch, die Situation zu entschärfen.
Der Unterschied ist klein, aber wichtig.
Menschen mit einer guten Gesprächskultur versuchen deshalb eher, das eigentliche Problem anzusprechen, anstatt dem anderen vorzuschreiben, welche Emotion er gerade haben darf.
Jemand darf wütend sein.
Jemand darf enttäuscht sein.
Jemand darf aufgeregt sein.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten während dieser Emotion automatisch in Ordnung ist. Aber zwischen einem Gefühl und dem Verhalten, das daraus entsteht, sollte man unterscheiden.
Manche Menschen müssen in einem Gespräch unbedingt gewinnen.
Sie wollen beweisen, dass ihre Sichtweise die richtige ist. Selbst wenn sie merken, dass die andere Person einen Punkt hat, fällt es ihnen schwer, das zuzugeben.
Menschen mit einer guten Gesprächskultur gehen etwas anders damit um.
Sie wissen, dass sie sich irren können.
Das heißt nicht, dass sie keine eigene Meinung haben. Im Gegenteil. Sie können sehr überzeugt von etwas sein und trotzdem akzeptieren, dass andere Menschen die Situation anders sehen.
Manchmal ist es sogar möglich, überzeugt zu sein, dass man recht hat, und die Diskussion trotzdem nicht weiterzuführen.
Das klingt zunächst vielleicht ungewohnt.
Aber nicht jede Unterhaltung muss zu einem Ergebnis führen.
Nicht jede Meinungsverschiedenheit braucht einen Gewinner.
Und nicht jeder Mensch muss am Ende sagen: „Okay, du hast recht.“
Eine gewisse Sicherheit in der eigenen Meinung kann sogar damit einhergehen, dass man nicht ständig beweisen muss, wie richtig man liegt.
Wenn ein Freund mit einem Problem zu dir kommt, bist du nicht automatisch dafür verantwortlich, es zu lösen. Du musst auch nicht jedes Problem übernehmen, das jemand in deinem Umfeld hat.
Aber zwischen einer gesunden Grenze und einer abweisenden Reaktion liegt ein Unterschied.
Wenn jemand dir etwas Persönliches erzählt und du sofort sagst: „Das ist nicht mein Problem“, kann das beim anderen schnell das Gefühl auslösen, dass er überhaupt nicht hätte fragen dürfen.
Dabei kann man eine Grenze setzen und trotzdem menschlich bleiben.
Zum Beispiel:
„Ich würde dir wirklich gerne helfen, aber ich weiß gerade nicht, was ich für dich tun kann.“
Oder:
„Ich verstehe, dass dich das beschäftigt. Ich glaube aber, dass ich dir bei dieser Sache nicht wirklich helfen kann.“
Damit sagst du immer noch Nein.
Du übernimmst nicht die Verantwortung für das Problem.
Aber du behandelst den anderen nicht so, als hätte er etwas Dummes getan, weil er sich an dich gewandt hat.
Gute Gesprächskultur bedeutet nämlich nicht, dass man ständig für andere da sein muss. Es bedeutet, dass man auch beim Setzen einer Grenze respektvoll bleibt.
Diesen Satz sagt wahrscheinlich jeder Mensch irgendwann.
Und manchmal ist er auch verständlich. Wenn man etwas mehrfach erklärt hat und der andere fragt fünf Minuten später wieder danach, kann das durchaus nerven.
Trotzdem wissen Menschen mit guter Gesprächskultur, dass Vergessen nicht automatisch Desinteresse bedeutet.
Vielleicht hatte die andere Person an diesem Tag besonders viel im Kopf.
Vielleicht war sie gerade emotional belastet.
Vielleicht hat sie dir zwar zugehört, aber die Information nicht richtig aufgenommen.
Oder vielleicht hast du selbst etwas anders erklärt, als du dachtest.
Deshalb machen gute Gesprächspartner das Wiederholen einer Information nicht zu einer Gelegenheit, den anderen bloßzustellen.
Sie sagen nicht: „Wie oft soll ich dir das eigentlich noch erklären?“
Sie erklären es einfach noch einmal, wenn es gerade sinnvoll ist.
Natürlich gibt es Grenzen. Wenn jemand ständig dieselbe Information ignoriert, kann man das irgendwann ansprechen.
Aber selbst dann muss daraus kein Angriff werden.
Fazit
Niemand spricht in jeder Situation perfekt.
Auch Menschen, die normalerweise sehr respektvoll kommunizieren, können irgendwann genervt sein und „Beruhig dich“ sagen. Sie können eine unfreundliche Bemerkung machen oder in einem Streit übertreiben.
Eine gute Gesprächskultur bedeutet deshalb nicht, dass man niemals einen falschen Satz sagt.
Viel wichtiger ist, ob man danach darüber nachdenken kann.
Kann man sich entschuldigen?
Kann man zugeben, dass man zu hart war?
Kann man dem anderen zuhören, ohne sofort die eigene Sichtweise zu verteidigen?
Und kann man akzeptieren, dass die Gefühle eines anderen Menschen nicht automatisch falsch sind, nur weil man sie selbst nicht genauso empfinden würde?
Genau darin zeigt sich oft, wie jemand wirklich kommuniziert.
Denn respektvolle Gespräche bedeuten nicht, dass alle einer Meinung sein müssen. Man darf widersprechen. Man darf Kritik äußern. Man darf Grenzen setzen. Man darf sogar sagen, dass man etwas völlig anders sieht.
Der entscheidende Punkt ist, wie man es tut.
Wer seine Worte bewusst wählt, versucht nicht, jedes Gespräch zu gewinnen. Er versucht, den anderen zu verstehen und gleichzeitig ehrlich zu bleiben.
Und vielleicht ist das eine der wertvollsten Formen von Respekt: Man muss nicht immer zustimmen, um jemandem das Gefühl zu geben, dass seine Stimme trotzdem gehört wird.