Selbstständig zu sein bedeutet wesentlich mehr, als allein wohnen zu können, eigenes Geld zu verdienen oder den Alltag ohne fremde Hilfe zu organisieren, denn ein Mensch kann nach außen ausgesprochen unabhängig wirken und trotzdem bei beinahe jeder wichtigen Entscheidung darauf angewiesen sein, dass andere ihm sagen, was richtig ist, wie er sich fühlen sollte oder welchen Weg er einschlagen soll.
Mentale und emotionale Selbstständigkeit zeigt sich deshalb häufig weniger darin, wie viele praktische Aufgaben jemand allein bewältigt, sondern vielmehr darin, wie sehr er seinen eigenen Gedanken, Entscheidungen und Gefühlen vertrauen kann.
Dabei braucht selbstverständlich jeder Mensch Unterstützung.
Es ist vollkommen normal, einen Freund nach seiner Meinung zu fragen, vor einer schwierigen Entscheidung mit der Familie zu sprechen oder sich bei einem Partner rückzuversichern, wenn man gerade nicht weiß, wie eine bestimmte Situation einzuschätzen ist. Problematisch wird es erst dann, wenn die Meinung anderer nicht mehr zusätzliche Orientierung bietet, sondern die eigene innere Stimme beinahe vollständig ersetzt.
Menschen, denen diese Form von Selbstständigkeit schwerfällt, suchen häufig nach Sicherheit außerhalb ihrer selbst.
Natürlich bedeutet eine einzelne Aussage niemals automatisch, dass jemand emotional abhängig oder unselbstständig ist. Fast jeder hat schon einmal gefragt, ob er überreagiert, oder einem Freund gesagt, dass man sich bei einer Entscheidung nicht sicher ist. Entscheidend ist vielmehr, ob solche Aussagen zu einem dauerhaften Muster werden, bei dem die eigenen Wünsche, Gefühle und Entscheidungen immer wieder der Zustimmung anderer untergeordnet werden.
1. „Was meinst du, was ich tun soll?“ und „Kannst du mir helfen, das herauszufinden?“ zeigen, wie schnell aus Rat die Suche nach einer Entscheidung werden kann

Andere Menschen nach ihrer Meinung zu fragen ist grundsätzlich sinnvoll, denn niemand besitzt in jeder Situation ausreichend Erfahrung und manchmal hilft eine zweite Perspektive dabei, etwas zu erkennen, das man selbst übersehen hat.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, was anschließend mit diesem Rat geschieht.
Ein mental selbstständiger Mensch kann mehrere Meinungen hören und danach trotzdem sagen: „Ich verstehe deine Sichtweise, aber für mich fühlt sich eine andere Entscheidung richtig an.“
Wer dagegen wenig Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit besitzt, sucht häufig nicht nur nach einer Perspektive, sondern nach jemandem, der die Entscheidung praktisch übernimmt.
Dann wird aus „Was denkst du darüber?“ irgendwann „Sag mir bitte, was ich machen soll.“
Diese Gewohnheit kann bei sehr kleinen Dingen beginnen.
Welches Essen soll bestellt werden?
Welche Kleidung soll gekauft werden?
Soll eine Nachricht beantwortet werden?
Soll man am Wochenende ausgehen?
Mit der Zeit kann dieselbe Unsicherheit jedoch auch größere Entscheidungen betreffen, beispielsweise Beziehungen, Beruf, Wohnort oder Zukunftspläne.
Das eigentliche Problem besteht dabei nicht darin, Hilfe anzunehmen.
Schwierig wird es, wenn jemand nach einer Entscheidung das Gefühl hat, nur dann sicher zu sein, wenn eine andere Person sie bestätigt.
Denn jede Entscheidung enthält Unsicherheit.
Selbst nach sorgfältigem Nachdenken kann niemand garantieren, dass sich eine Wahl später als perfekt herausstellt. Emotionale Selbstständigkeit bedeutet deshalb nicht, immer genau zu wissen, was richtig ist, sondern eine Entscheidung treffen zu können, obwohl eine gewisse Unsicherheit bestehen bleibt.
Wer dagegen ständig andere entscheiden lässt, schützt sich möglicherweise kurzfristig vor dieser Unsicherheit, verliert langfristig aber Vertrauen in sich selbst.
Und irgendwann fühlt sich selbst eine kleine Entscheidung größer an, als sie eigentlich ist.
2. „Ich mache einfach, was du möchtest“ kann freundlich klingen, obwohl die eigenen Wünsche dabei immer weiter verschwinden

Problematisch wird es jedoch, wenn jemand praktisch immer antwortet, dass ihm alles egal sei und die andere Person entscheiden könne.
„Mach du.“
„Mir egal.“
„Ich mache einfach mit.“
Solche Aussagen können entspannt wirken, doch wenn sie ständig auftreten, kann dahinter die Schwierigkeit stehen, eigene Wünsche überhaupt auszusprechen.
Besonders Menschen, die große Angst vor Ablehnung besitzen, können sich daran gewöhnen, möglichst unkompliziert zu sein.
Sie stimmen zu.
Sie passen sich an.
Sie versuchen, keine Erwartungen zu stellen.
Und wenn sie eigentlich etwas anderes möchten, sagen sie trotzdem Ja, weil ein Nein möglicherweise Enttäuschung oder Konflikt auslösen könnte.
Kurzfristig kann dieses Verhalten Beziehungen tatsächlich ruhiger erscheinen lassen.
Langfristig entsteht jedoch häufig Frust.
Denn Bedürfnisse verschwinden nicht automatisch, nur weil man sie nicht ausspricht.
Wer jahrelang immer den Vorstellungen anderer folgt, kann irgendwann feststellen, dass niemand wirklich weiß, was er selbst möchte.
Das ist besonders bitter, weil die anderen Menschen möglicherweise gar nicht bewusst etwas verlangt haben.
Sie haben lediglich Entscheidungen getroffen, weil die Person selbst immer wieder gesagt hat, dass alles in Ordnung sei.
Emotionale Selbstständigkeit bedeutet deshalb auch, eine eigene Präferenz besitzen zu dürfen.
Man darf sagen, welchen Film man sehen möchte.
Man darf ein Restaurant ablehnen.
Man darf unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung haben.
Und man darf eine andere Meinung vertreten, ohne daraus sofort die Angst entwickeln zu müssen, dass die Beziehung deshalb zerbricht.
3. „Ich glaube nicht, dass sie das gutheißen würden“ zeigt, wie mächtig die Zustimmung anderer über das eigene Leben werden kann

Fast jeder Mensch berücksichtigt bei wichtigen Entscheidungen die Gefühle anderer, und das ist grundsätzlich nichts Negatives. Wer in einer Partnerschaft lebt, Kinder hat oder Verantwortung für andere trägt, kann schließlich nicht so handeln, als würden die eigenen Entscheidungen niemanden betreffen.
Etwas anderes geschieht jedoch, wenn Zustimmung zu einer Voraussetzung dafür wird, überhaupt einen eigenen Weg gehen zu dürfen.
Dann wird eine mögliche Veränderung nicht mehr hauptsächlich danach beurteilt, ob sie zum eigenen Leben passt, sondern danach, wie andere Menschen darauf reagieren könnten.
Was werden meine Eltern sagen?
Was denkt mein Partner?
Werden meine Freunde mich verstehen?
Wird jemand enttäuscht sein?
Besonders schwierig wird es, wenn die Person längst erwachsen ist, innerlich aber weiterhin das Gefühl besitzt, für wichtige Entscheidungen eine Art Erlaubnis zu benötigen.
Vielleicht möchte sie den Beruf wechseln, eine Beziehung beenden, umziehen oder einen ungewöhnlichen Lebensweg wählen.
Eigentlich weiß sie bereits, was sie möchte.
Doch sobald sie sich vorstellt, dass jemand aus ihrem Umfeld die Entscheidung kritisieren könnte, beginnt sie wieder zu zweifeln.
Dadurch kann ein Mensch jahrelang in Situationen bleiben, die ihm nicht guttun, nur weil eine Veränderung andere Menschen enttäuschen könnte.
Mentale Selbstständigkeit bedeutet keineswegs, die Meinung anderer grundsätzlich zu ignorieren.
Sie bedeutet vielmehr, unterscheiden zu können, wann Kritik wichtige Informationen enthält und wann sie lediglich zeigt, dass jemand andere Vorstellungen vom eigenen Leben besitzt.
Denn am Ende können andere Menschen beraten, warnen und ihre Meinung äußern.
Leben müssen wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen jedoch selbst.
4. „Übertreibe ich?“ und „Sei bitte nicht sauer auf mich“ können zeigen, dass jemand den eigenen Gefühlen weniger vertraut als den Reaktionen anderer

Es gibt Situationen, in denen wir tatsächlich überreagieren.
Vielleicht haben wir einen schlechten Tag, interpretieren eine harmlose Bemerkung falsch oder reagieren aus einer alten Verletzung heraus stärker, als die aktuelle Situation eigentlich rechtfertigt.
Deshalb kann die Frage „Übertreibe ich?“ durchaus Ausdruck gesunder Selbstreflexion sein.
Problematisch wird sie erst, wenn jemand praktisch jedes eigene Gefühl von anderen bestätigen lassen muss.
Dann reicht es nicht mehr, verletzt zu sein.
Erst wenn jemand anderes sagt, dass die Verletzung berechtigt ist, erlaubt man sich, sie ernst zu nehmen.
Genau dadurch entsteht eine starke emotionale Abhängigkeit.
Die eigene Wahrnehmung bekommt weniger Gewicht als die Einschätzung anderer.
Ähnlich kann es mit dem Satz „Sei bitte nicht sauer auf mich“ funktionieren.
Natürlich möchte niemand ständig Konflikte verursachen, doch ein emotional selbstständiger Mensch kann grundsätzlich akzeptieren, dass eine andere Person gelegentlich enttäuscht oder verärgert sein wird.
Wer dagegen starke Angst vor Ablehnung besitzt, versucht möglicherweise, jede negative Reaktion sofort zu verhindern.
Dann wird eine Grenze zurückgenommen, sobald der andere unzufrieden wirkt.
Eine Entscheidung wird geändert.
Eine berechtigte Kritik wird relativiert.
Und manchmal folgt eine lange Entschuldigung, obwohl eigentlich überhaupt nichts Falsches getan wurde.
Das Problem besteht darin, dass man dadurch langsam lernt, die Gefühle anderer Menschen wichtiger zu nehmen als die eigenen.
Doch emotionale Selbstständigkeit bedeutet auch, auszuhalten, dass nicht jeder jederzeit zufrieden mit uns sein wird.
Jemand darf enttäuscht sein.
Jemand darf eine andere Meinung besitzen.
Und jemand kann sogar wütend sein, ohne dass wir deshalb automatisch etwas falsch gemacht haben.
5. „Ich mache einfach das, was alle anderen machen“ zeigt, wie leicht Zugehörigkeit wichtiger werden kann als die eigene Überzeugung

Menschen orientieren sich grundsätzlich an anderen.
Wir beobachten, wie sich unsere Umgebung verhält, übernehmen soziale Regeln und passen uns Gruppen an, weil Zugehörigkeit ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.
Deshalb ist Konformität nicht automatisch ein Zeichen fehlender Selbstständigkeit.
Niemand hinterfragt jeden einzelnen gesellschaftlichen Standard jeden Morgen neu.
Schwierig wird es jedoch, wenn die Gruppe praktisch jede persönliche Entscheidung bestimmt.
Dann wird etwas gekauft, weil alle anderen es besitzen.
Man vertritt eine Meinung, weil sie im eigenen Umfeld beliebt ist.
Man geht irgendwohin, obwohl man eigentlich keine Lust hat.
Oder man verändert sogar persönliche Ziele, weil der eigene Weg nicht dem entspricht, was andere Menschen gerade machen.
Hinter diesem Verhalten steckt häufig weniger Begeisterung für die Gruppe als Unsicherheit gegenüber sich selbst.
Wenn ich nicht weiß, was richtig ist, erscheint das Verhalten der Mehrheit sicher.
Wenn alle anderen es tun, kann meine Entscheidung schließlich nicht vollkommen falsch sein.
Doch genau dadurch kann ein Mensch immer weiter den Kontakt zu seinen eigenen Vorstellungen verlieren.
Denn manchmal ist die richtige Entscheidung gerade diejenige, die niemand im unmittelbaren Umfeld versteht.
Mentale Unabhängigkeit bedeutet nicht, grundsätzlich gegen die Mehrheit zu sein, denn auch das wäre lediglich eine andere Form davon, sich ständig an anderen zu orientieren.
Sie bedeutet vielmehr, die Gruppe wahrzunehmen und anschließend trotzdem selbst zu entscheiden.
Manchmal führt das zum gleichen Ergebnis wie bei allen anderen. Manchmal nicht. Beides sollte möglich sein.
6. „Ich weiß nicht, was ich will“ wird besonders problematisch, wenn die eigene Unsicherheit dauerhaft von anderen Menschen ausgefüllt wird

Es gibt Lebensphasen, in denen niemand genau weiß, was er möchte.
Ein beruflicher Umbruch, eine Trennung oder eine große Veränderung kann dazu führen, dass frühere Pläne plötzlich nicht mehr passen und neue noch nicht entstanden sind.
Deshalb ist Unsicherheit vollkommen normal.
Doch wenn „Ich weiß nicht, was ich will“ zu einem dauerhaften Grundgefühl wird, kann dahinter stehen, dass jemand so lange auf die Wünsche und Erwartungen anderer gehört hat, dass die eigene Stimme kaum noch wahrgenommen wird.
Dann beginnt die Unsicherheit bereits bei kleinen Dingen.
Was möchtest du essen?
Keine Ahnung.
Wohin möchtest du fahren?
Entscheide du.
Das Schwierige daran ist, dass Menschen ihre eigenen Wünsche häufig nicht plötzlich durch intensives Nachdenken entdecken.
Sie lernen sie vielmehr kennen, indem sie Entscheidungen treffen, Erfahrungen sammeln und anschließend beobachten, wie sich diese Entscheidungen anfühlen.

