Wenn ein Elternteil ständig arbeitet, sieht das von außen nicht unbedingt nach einem schlechten Familienleben aus.
Vielleicht fehlt es der Familie an nichts. Es gibt ein schönes Zuhause, finanzielle Sicherheit, Urlaube und alles, was Kinder brauchen könnten. Der Vater oder die Mutter arbeitet schließlich so viel, damit es der Familie gut geht.
Und genau deshalb ist es für viele Kinder auch so schwer, später einzuordnen, was ihnen eigentlich gefehlt hat.
Denn ein Elternteil kann liebevoll sein und trotzdem kaum Zeit haben.
Es kann sich um seine Familie kümmern wollen und trotzdem ständig am Handy hängen, spät nach Hause kommen oder am Wochenende arbeiten.
Ein Kind versteht solche Zusammenhänge allerdings noch nicht. Es sieht vor allem: Mama ist beschäftigt. Papa ist beschäftigt. Arbeit ist wichtig. Leistung ist wichtig. Und ich muss oft warten.
Was wir in der Kindheit erleben, beeinflusst häufig auch, wie wir später mit Arbeit, Beziehungen, Anerkennung und sogar mit unserer freien Zeit umgehen. Das bedeutet nicht, dass jedes Kind eines Workaholics automatisch dieselben Probleme entwickelt. Manche übernehmen die Gewohnheiten ihrer Eltern, andere machen später bewusst das genaue Gegenteil.
Aber einige Muster tauchen erstaunlich häufig auf.
1. Sie können nach Feierabend nur schwer wirklich abschalten

Für manche Menschen endet die Arbeit nicht, wenn sie das Büro verlassen.
Der Laptop kommt mit nach Hause. E-Mails werden noch schnell beantwortet. Während des Abendessens wird kurz etwas erledigt. Am Wochenende wird „nur eine Kleinigkeit“ gemacht.
Und irgendwann fühlt sich das völlig normal an.
Menschen, die mit einem ständig arbeitenden Elternteil aufgewachsen sind, können dieses Verhalten besonders leicht übernehmen. Sie haben jahrelang erlebt, dass freie Zeit jederzeit von einer Aufgabe unterbrochen werden darf.
Deshalb fällt es ihnen später schwer, Arbeit wirklich Arbeit sein zu lassen.
Sie sagen vielleicht:
„Ich mache das schnell noch fertig.“
Oder:
„Wenn ich schon mal dabei bin, kann ich auch gleich noch …“
Sie übernehmen zusätzliche Aufgaben, sagen häufiger Ja und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie einmal nichts Produktives tun.
Das kann sogar dazu führen, dass sie sich selbst völlig überfordern, ohne es zunächst als Problem wahrzunehmen.
Denn Durchhalten war für sie lange etwas Positives.
2. Erschöpfung fühlt sich für sie wie ein Beweis dafür an, dass sie etwas leisten

Es gibt Menschen, die sich fast schuldig fühlen, wenn sie einen entspannten Tag hatten.
Ein Tag ohne viel Arbeit fühlt sich für sie nicht erholsam an, sondern irgendwie verschwendet.
Sie bewundern Menschen, die ständig beschäftigt sind. Sie erzählen stolz davon, wie wenig sie geschlafen haben oder wie viele Aufgaben sie gleichzeitig erledigen.
„Ich habe diese Woche kaum geschlafen.“
„Ich war jeden Tag bis zehn im Büro.“
„Ich hatte überhaupt keine Zeit für mich.“
Und obwohl solche Sätze eigentlich zeigen, dass jemand erschöpft ist, werden sie manchmal fast wie Auszeichnungen präsentiert.
Wer als Kind erlebt hat, dass ein Elternteil ständig gearbeitet hat, kann unbewusst lernen: Je mehr ich aushalte, desto wertvoller bin ich.
Dann wird Müdigkeit mit Einsatzbereitschaft verwechselt.
Stress wird zum Normalzustand.
Und Erholung fühlt sich plötzlich fast wie Faulheit an.
Das ist besonders tückisch, weil man dabei sogar beruflich erfolgreich sein kann. Das Problem zeigt sich oft erst, wenn der Körper oder die Psyche irgendwann nicht mehr mitmacht.
3. Ihr Beruf wird zu einem Teil ihrer Identität

Natürlich darf Arbeit wichtig sein.
Für viele Menschen ist der Beruf ein großer Teil ihres Lebens. Er gibt ihnen Freude, Sicherheit, soziale Kontakte oder das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.
Problematisch wird es, wenn aus „Ich habe einen erfolgreichen Beruf“ irgendwann „Ich bin nur etwas wert, wenn ich erfolgreich bin“ wird.
Genau diese Verbindung können Kinder von Workaholics übernehmen.
Sie sehen, wie sehr der Elternteil auf berufliche Erfolge reagiert. Wenn etwas gut läuft, ist die Stimmung besser. Wenn es Probleme gibt, wirkt der ganze Mensch unzufrieden.
Als Kind kann man daraus lernen:
Leistung macht Menschen glücklich.
Erfolg macht mich wertvoll.
Eine gute Karriere bedeutet, dass ich es geschafft habe.
Später wird der Job deshalb nicht nur zur Arbeit, sondern zum persönlichen Beweis dafür, dass man gut genug ist.
Eine Beförderung fühlt sich dann nicht einfach schön an.
Sie fühlt sich notwendig an.
Und ein beruflicher Rückschlag kann plötzlich wie ein persönliches Versagen wirken.
4. Sie benutzen Arbeit, um mit unangenehmen Gefühlen umzugehen

Nicht jeder Mensch arbeitet viel, weil er seinen Beruf liebt.
Manchmal arbeitet jemand viel, weil er nicht fühlen möchte.
Stress, Einsamkeit, Unsicherheit, Traurigkeit oder Konflikte können unangenehm sein. Beschäftigt zu sein hilft dann dabei, diese Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen.
Wer als Kind beobachtet hat, dass ein Elternteil bei Stress noch mehr gearbeitet hat, kann dieses Verhalten übernehmen.
Statt sich zu fragen:
„Was ist gerade eigentlich mit mir los?“
kommt dann:
„Ich muss einfach mehr machen.“
Ein Streit in der Beziehung?
Arbeiten.
Eine schwierige Lebensphase?
Arbeiten.
Unsicherheit?
Noch mehr leisten.
Je voller der Kalender ist, desto weniger Zeit bleibt für die eigenen Gedanken.
Das kann kurzfristig funktionieren. Langfristig löst es die eigentliche Ursache aber nicht.
Man kann Gefühle nämlich nicht dauerhaft wegorganisieren.
5. In Beziehungen halten sie lieber Abstand, als sich wirklich verletzlich zu zeigen

Dieser Punkt ist besonders interessant.
Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass ein Elternteil zwar da ist, aber emotional kaum verfügbar, kann Nähe später kompliziert werden.
Nicht unbedingt, weil dieses Kind keine Liebe möchte.
Im Gegenteil.
Es kann sich sogar sehr nach Nähe sehnen und gleichzeitig Schwierigkeiten damit haben, sie auszuhalten.
Vielleicht fühlt sich ein emotional distanzierter Partner überraschend vertraut an.
Vielleicht wird jemand nervös, sobald eine Beziehung sehr eng wird.
Vielleicht entsteht der Impuls, sich zurückzuziehen, sobald der andere mehr Nähe oder emotionale Offenheit möchte.
Das bedeutet nicht, dass ein Mensch mit einem Workaholic als Elternteil automatisch bindungsängstlich wird.
Aber wenn emotionale Nähe in der Kindheit selten erlebt wurde, kann Distanz später vertrauter wirken als echte Verletzlichkeit.
Manchmal fühlt sich das Vertraute eben sicherer an – selbst wenn es einem eigentlich nicht guttut.
6. Sie verwechseln Spannung mit echter Sicherheit

Manche Menschen fühlen sich von Beziehungen oder Lebenssituationen angezogen, die ständig aufregend, unsicher oder emotional intensiv sind.
Ruhe dagegen kann sich beinahe langweilig anfühlen.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Aber wer früh gelernt hat, dass man sich auf andere emotional nicht immer verlassen kann, entwickelt möglicherweise eine starke Gewohnheit des Alleinkämpfens.
Sicherheit ist dann nicht unbedingt etwas, das man automatisch genießen kann.
Intensität dagegen fühlt sich bekannt an.
Das kann sich in Beziehungen zeigen.
Eine Person, die zuverlässig, liebevoll und verfügbar ist, wirkt vielleicht zunächst weniger aufregend. Ein Partner, bei dem man ständig rätseln muss, woran man ist, kann dagegen starke Gefühle auslösen.
Auch im Beruf kann dieses Muster auftauchen.
Ein ruhiger Job mit vernünftigen Arbeitszeiten fühlt sich plötzlich zu unspektakulär an.
Ein stressiger Job mit ständig neuen Herausforderungen dagegen vermittelt das Gefühl, wirklich etwas zu erleben.
Dabei ist Intensität nicht dasselbe wie Erfüllung.
Und Chaos ist nicht dasselbe wie Leidenschaft.
7. Sie suchen Anerkennung stärker bei anderen als in sich selbst

Wenn ein Kind früh lernt, dass Leistung Aufmerksamkeit bringt, kann Anerkennung später zu einem wichtigen inneren Antrieb werden.
Vielleicht wird besonders viel gearbeitet, weil der Chef zufrieden sein soll.
Vielleicht fällt es schwer, eine Aufgabe abzugeben, weil man Angst hat, dann weniger gebraucht zu werden.
Vielleicht fühlt sich ein Lob unglaublich gut an – und Kritik trifft dafür umso härter.
Das Problem ist nicht, dass Anerkennung schön ist.
Natürlich freut sich jeder Mensch darüber, wenn seine Arbeit gesehen und geschätzt wird.
Schwierig wird es, wenn das eigene Selbstwertgefühl fast vollständig davon abhängt.
Dann braucht man ständig neue Beweise:
Ich bin erfolgreich.
Ich bin zuverlässig.
Ich bin fleißig.
Ich bin wichtig.
Ich werde gebraucht.
Und sobald diese Bestätigung ausbleibt, beginnt man an sich selbst zu zweifeln.
Fazit: Was Kinder wirklich von ihren Eltern übernehmen
Kinder beobachten mehr, als Eltern manchmal glauben.
Sie hören nicht nur, was ihnen gesagt wird. Sie beobachten auch, wie Erwachsene mit Stress umgehen, wie sie ihre Zeit verbringen, was ihnen wichtig ist und woran sie ihren eigenen Wert festmachen.
Ein arbeitssüchtiger Elternteil kann seinem Kind deshalb unbewusst eine Menge beibringen – nicht unbedingt durch Worte, sondern durch sein Verhalten.
Vielleicht lautet die Botschaft:
„Arbeit kommt zuerst.“
Vielleicht:
„Du musst alles alleine schaffen.“
Oder:
„Wenn du erfolgreich bist, bist du etwas wert.“
Doch diese Regeln müssen nicht für immer gelten.
Ein erfülltes Erwachsenenleben darf anders aussehen.
Man darf ehrgeizig sein und trotzdem Feierabend machen.
Man darf seinen Beruf lieben und trotzdem ein Leben außerhalb des Jobs haben.
Man darf Hilfe annehmen.
Man darf sich ausruhen.
Man darf Menschen brauchen.
Und man darf irgendwann feststellen, dass ein gutes Leben nicht daran gemessen wird, wie viel man jeden Tag schafft.
Manchmal ist es sogar ein Zeichen von Stärke, nicht mehr ständig etwas beweisen zu müssen.

