Schon als Kinder hören wir Geschichten von wunderschönen Königinnen, charmanten Königen und mächtigen Herrschern, denen angeblich jeder sofort verfallen ist.
Später kommen Filme, Serien und Bücher dazu.
Kleopatra wird zur außergewöhnlichen Schönheit, berühmte Könige sehen aus wie Hollywoodstars und selbst historische Persönlichkeiten, die vor Jahrhunderten lebten, erscheinen auf der Leinwand plötzlich erstaunlich attraktiv.
Aber sahen sie wirklich alle so aus?
Die Antwort ist natürlich: nein.
Schönheitsideale waren zu jeder Zeit unterschiedlich, Gemälde wurden nicht immer angefertigt, um jede Falte möglichst realistisch festzuhalten, und moderne Verfilmungen haben zusätzlich unser Bild vieler berühmter Menschen geprägt.
Bei einigen historischen Persönlichkeiten ist der Unterschied zwischen Legende und überliefertem Aussehen besonders interessant.
Manche machten sogar selbst Witze über ihr Äußeres. Andere wurden später zu Schönheitsikonen, obwohl historische Darstellungen ein wesentlich anderes Bild vermitteln.
Diese berühmten Persönlichkeiten beweisen, dass man nicht wie ein Hollywoodstar aussehen musste, um Geschichte zu schreiben.
Abraham Lincoln

Abraham Lincoln gehört heute zu den bekanntesten Präsidenten der amerikanischen Geschichte.
Für sein Aussehen wurde er allerdings nicht unbedingt bewundert.
Lincoln war außergewöhnlich groß, sehr schlank und hatte markante Gesichtszüge, die bereits zu seinen Lebzeiten immer wieder kommentiert wurden.
Das Interessante daran: Er wusste selbst ganz genau, wie andere ihn sahen.
Statt besonders empfindlich darauf zu reagieren, machte er gelegentlich sogar Witze über sein eigenes Äußeres.
Als ihm während einer politischen Debatte vorgeworfen wurde, „zwei Gesichter“ zu haben, soll Lincoln sinngemäß geantwortet haben: Wenn er tatsächlich noch ein anderes Gesicht hätte, würde er dann ausgerechnet dieses tragen?
Eine ziemlich gute Antwort.
Vor allem zeigt sie, dass Lincoln offenbar nicht darauf angewiesen war, als besonders attraktiv wahrgenommen zu werden.
Seine Wirkung entstand ohnehin an einer ganz anderen Stelle.
Heute erinnert sich schließlich kaum jemand an Abraham Lincoln, weil er einem damaligen Schönheitsideal entsprach.
Sein Gesicht gehört trotzdem zu den bekanntesten der amerikanischen Geschichte.
Königin Maria I. von England

Bei einer Königin denken viele automatisch an prunkvolle Kleider, wertvollen Schmuck und eine Frau, die schon durch ihre Erscheinung den ganzen Raum beeindruckt.
Maria I. von England besaß zumindest die ersten beiden Dinge.
Auf historischen Porträts trägt sie kostbare Stoffe, Perlen und aufwendigen Schmuck. Trotzdem entsprach ihr Aussehen offenbar nicht unbedingt dem Bild einer märchenhaften Königin, das wir heute aus Filmen kennen.
Berühmt wurde sie ohnehin aus einem völlig anderen Grund.
Maria war die Tochter Heinrichs VIII. und versuchte während ihrer Herrschaft, England wieder zum Katholizismus zurückzuführen. Die Verfolgung und Hinrichtung protestantischer Gegner brachte ihr später den Beinamen „Bloody Mary“ ein.
Damit zeigt ihre Geschichte auch, wie wenig das Äußere darüber entscheidet, wie eine Person Jahrhunderte später in Erinnerung bleibt.
Bei Maria waren es weder ihre Kleider noch ihre Gesichtszüge.
Es waren ihre Entscheidungen als Königin, die sie zu einer der umstrittensten Herrscherinnen der englischen Geschichte machten.
René Descartes

René Descartes musste wirklich nicht gut aussehen, um Eindruck zu hinterlassen.
Der französische Philosoph und Mathematiker gehört schließlich zu den Menschen, deren Ideen noch Jahrhunderte nach ihrem Tod diskutiert werden.
Seine Porträts zeigen allerdings keinen geheimnisvollen Schönling, wie man ihn heute vielleicht für eine historische Verfilmung besetzen würde.
Dunkle Kleidung, lange Haare, ein auffälliger Schnurrbart und ein ernster Blick prägen die bekanntesten Darstellungen von ihm.
Ob seine Zeitgenossen Descartes tatsächlich als unattraktiv empfanden, lässt sich heute natürlich kaum objektiv beurteilen. Schönheitsideale verändern sich schließlich ebenso wie Mode und Geschmack.
Viel interessanter ist ohnehin, dass sein Aussehen für das, was von ihm geblieben ist, vollkommen nebensächlich wurde.
Descartes beschäftigte sich mit Mathematik, Naturwissenschaften und grundlegenden philosophischen Fragen über Wissen, Zweifel und menschliches Denken.
Sein berühmtes „Ich denke, also bin ich“ kennen heute sogar viele Menschen, die noch nie eines seiner Werke gelesen haben.
Vielleicht ist das ohnehin die bessere Art, mehrere Jahrhunderte später in Erinnerung zu bleiben.
Kleopatra

Kaum eine historische Frau wird so stark mit Schönheit und Verführung verbunden wie Kleopatra.
Filme und Gemälde haben dieses Bild über Jahrzehnte weiter verstärkt: dunkle Haare, perfektes Gesicht, auffälliger Schmuck und eine Frau, der angeblich kaum jemand widerstehen konnte.
Wie Kleopatra tatsächlich aussah, wissen wir jedoch nicht mit Sicherheit.
Einige der wenigen Darstellungen aus ihrer Zeit finden sich auf Münzen. Dort erscheint sie mit einer markanten Nase, einem ausgeprägten Kinn und Gesichtszügen, die deutlich von dem Hollywoodbild abweichen, das viele heute im Kopf haben.
Das macht ihre Geschichte eigentlich noch interessanter.
Denn ihre berühmte Wirkung auf andere Menschen muss keineswegs allein mit außergewöhnlicher körperlicher Schönheit zusammengehangen haben.
Kleopatra war gebildet, politisch geschickt und verstand es, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Antike Berichte legen zudem nahe, dass ihre Persönlichkeit, ihre Stimme und ihre Art zu sprechen einen großen Teil ihrer Anziehungskraft ausmachten.
Vielleicht erzählt Kleopatra deshalb auch etwas darüber, wie schnell wir Attraktivität auf ein schönes Gesicht reduzieren.
Mehr als zweitausend Jahre später gilt sie noch immer als eine der faszinierendsten Frauen der Geschichte.
Joseph Bloor

Bei Joseph Bloor ist es vor allem ein einziges Foto, das bis heute Aufmerksamkeit bekommt.
Der kanadische Geschäftsmann und Gründer des Dorfes Yorkville sitzt darauf mit strengem Blick vor der Kamera.
Sein Gesichtsausdruck wirkt so ungewöhnlich, dass man das Bild vermutlich nicht besonders schnell vergisst.
Allerdings sollte man bei solchen alten Fotografien etwas berücksichtigen.
Fotografiert zu werden funktionierte damals schließlich nicht so wie heute. Niemand machte innerhalb weniger Sekunden zwanzig Aufnahmen und suchte anschließend die schmeichelhafteste davon aus.
Bei frühen fotografischen Verfahren mussten Menschen teilweise lange stillhalten. Ein entspanntes Lächeln über mehrere Minuten aufrechtzuerhalten, war entsprechend schwierig.
Das erklärt auch, warum Menschen auf historischen Fotografien häufig so ernst aussehen.
Ob Joseph Bloor im wirklichen Leben genauso wirkte wie auf diesem einen Bild, können wir heute kaum beurteilen.
Vielleicht hatte er einfach das Pech, in einer Zeit fotografiert zu werden, in der es noch keine zweite Aufnahme, keinen Filter und schon gar keinen „Lösch mich sofort, ich sehe schrecklich aus“-Moment gab.
Sein Foto blieb trotzdem erhalten. Und damit auch ein ziemlich eindrucksvoller Beweis dafür, wie unfair ein einziges Bild manchmal sein kann.
Fazit
Geschichte wurde schließlich nie nur von Menschen geschrieben, die einem Schönheitsideal entsprachen.
Manche wurden für ihre Ideen berühmt, andere für ihre Macht, ihren Mut oder ihre Entscheidungen, und vielleicht ist es ganz beruhigend zu wissen, dass selbst die Menschen, über die wir Jahrhunderte später noch sprechen, nicht alle wie Hollywoodstars aussahen.

