Skip to Content

6 scheinbar harmlose Sätze liebevoller Eltern, die Kinder viel stärker treffen können als gedacht

6 scheinbar harmlose Sätze liebevoller Eltern, die Kinder viel stärker treffen können als gedacht

Eltern müssen ihre Kinder nicht absichtlich herabsetzen oder lieblos behandeln, damit bestimmte Worte langfristig Spuren hinterlassen können, denn gerade innerhalb einer engen Eltern-Kind-Beziehung besitzen beiläufige Aussagen häufig wesentlich mehr Gewicht, als Erwachsenen in dem jeweiligen Moment bewusst ist.

Ein Satz fällt vielleicht morgens unter Zeitdruck, während eines Streits oder aus ehrlicher Sorge um das Verhalten des Kindes, ist für den Erwachsenen wenige Minuten später längst vergessen und kann sich beim Kind trotzdem als Botschaft darüber festsetzen, wie seine Eltern es grundsätzlich wahrnehmen.

Das bedeutet keineswegs, dass Eltern jedes einzelne Wort sorgfältig planen müssen oder dass ein ungeschickter Satz automatisch einen langfristigen psychischen Schaden verursacht, denn Eltern sind Menschen, werden gereizt sein, Fehler machen und manchmal Dinge sagen, die sie anschließend selbst bereuen.

Besonders wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen dem Verhalten eines Kindes und seiner Identität, denn ein Kind kann etwas Unüberlegtes tun, ohne deshalb grundsätzlich unvernünftig zu sein, eine Aufgabe vermeiden, ohne automatisch faul zu sein, und schlechte Leistungen bringen, ohne dadurch weniger intelligent oder weniger wertvoll zu werden.

1. „Du bist so faul, egoistisch oder ungezogen“ macht aus einem bestimmten Verhalten schnell einen Teil der Identität

shutterstock

Eltern erleben selbstverständlich Situationen, in denen das Verhalten ihrer Kinder ausgesprochen anstrengend sein kann, und gerade unter Zeitdruck entsteht schnell die Versuchung, eine komplizierte Situation mit einem einzigen Wort zusammenzufassen.

Ein Kind räumt sein Zimmer trotz mehrfacher Aufforderung nicht auf und wird als faul bezeichnet, es möchte sein Spielzeug nicht teilen und bekommt zu hören, dass es egoistisch sei, oder es hält sich wiederholt nicht an eine Regel und wird irgendwann grundsätzlich als ungezogen beschrieben.

Das Problem liegt weniger darin, dass Eltern problematisches Verhalten benennen, denn Kinder benötigen selbstverständlich Rückmeldungen darüber, welche Handlungen akzeptabel sind und welche Grenzen gelten.

Wer ständig hört, er sei faul, könnte irgendwann weniger darüber nachdenken, weshalb er eine bestimmte Aufgabe nicht erledigt hat, und stattdessen beginnen, Faulheit als unveränderlichen Teil seiner Persönlichkeit zu betrachten. Damit kann genau das Gegenteil dessen entstehen, was Eltern ursprünglich erreichen wollten, denn statt Motivation zur Veränderung entwickelt sich möglicherweise die Überzeugung, ohnehin genau so zu sein.

Hilfreicher ist deshalb eine möglichst konkrete Beschreibung des Verhaltens.

Zwischen „Du bist so unordentlich“ und der Feststellung, dass Kleidung und Schulsachen noch auf dem Boden liegen, besteht psychologisch ein wichtiger Unterschied, weil die zweite Formulierung ein lösbares Problem beschreibt, während die erste eine Aussage über den gesamten Menschen macht.

2. „Ich bin so enttäuscht von dir“ kann beim Kind ankommen wie „Du hast mich als Mensch enttäuscht“

shutterstock

Enttäuschung gehört zwangsläufig zu Elternschaft, denn Kinder werden Regeln brechen, schlechte Entscheidungen treffen und sich manchmal vollkommen anders verhalten, als ihre Eltern es ihnen beigebracht haben. Eltern dürfen darüber traurig, wütend oder enttäuscht sein und müssen diese Gefühle nicht verstecken, doch entscheidend ist, wie sie kommuniziert werden.

Das bedeutet nicht, dass Eltern problematisches Verhalten beschönigen sollten.

Gleichzeitig lässt sich vermitteln, dass die Beziehung zum Kind nicht davon abhängt, ob es jederzeit die richtigen Entscheidungen trifft.

Gerade diese Trennung kann langfristig wichtig werden, weil Kinder lernen müssen, Verantwortung für Fehler zu übernehmen, ohne aus jedem Fehler eine grundsätzliche Aussage über ihren eigenen Wert abzuleiten.

Ein Kind, das hauptsächlich Angst davor hat, seine Eltern zu enttäuschen, kann schließlich irgendwann weniger darauf achten, ob eine Entscheidung seinen eigenen Werten entspricht, und stärker darauf, ob es weiterhin Anerkennung bekommt.

Verantwortungsbewusstsein entsteht jedoch nachhaltiger, wenn ein Mensch versteht, weshalb etwas falsch war und wie er es besser machen kann, anstatt lediglich zu versuchen, das unangenehme Gefühl elterlicher Enttäuschung zu vermeiden.

3. Selbst „Ich bin stolz auf dich“ kann problematisch werden, wenn Anerkennung fast ausschließlich von außen kommt

shutterstock

Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, einen liebevollen Satz wie „Ich bin stolz auf dich“ überhaupt kritisch zu betrachten, denn selbstverständlich dürfen Eltern sich über die Leistungen ihrer Kinder freuen und ihnen diese Freude auch zeigen.

Wenn Anerkennung fast ausschließlich von außen kommt, kann ein Kind zunehmend lernen, den Wert einer Leistung anhand der Reaktion anderer Menschen zu beurteilen.

Das Ziel muss deshalb nicht sein, elterliche Freude zurückzuhalten, sondern zusätzlich die Selbstwahrnehmung des Kindes zu stärken. Statt ausschließlich zu erklären, wie stolz man selbst ist, kann gefragt werden, wie das Kind seine eigene Leistung empfindet, welcher Teil besonders schwierig war oder worauf es selbst am meisten stolz ist.

Dadurch verändert sich die Perspektive.

Das Kind lernt nicht nur, dass Mama oder Papa seine Leistung gut finden, sondern entwickelt allmählich eigene Kriterien dafür, wann es mit sich zufrieden sein kann.

Gerade im Erwachsenenleben wird diese Fähigkeit wichtig, weil irgendwann nicht mehr nach jeder Entscheidung jemand danebensteht und bestätigt, dass etwas richtig oder beeindruckend war. Ein stabiles Selbstwertgefühl benötigt deshalb neben Anerkennung von außen auch die Fähigkeit, die eigenen Fortschritte unabhängig davon wahrzunehmen.

4. „Wenn du das machst, bekommst du dafür etwas“ kann aus alltäglicher Verantwortung schnell ein ständiges Tauschgeschäft machen

shutterstock

Belohnungen gehören in vielen Familien zum Alltag und können durchaus sinnvoll eingesetzt werden, insbesondere wenn Kinder neue Routinen lernen oder zusätzliche Motivation benötigen.

Trotzdem kann es problematisch werden, wenn nahezu jede normale Aufgabe mit einer unmittelbaren Gegenleistung verbunden wird und das Kind dadurch lernt, Verantwortung hauptsächlich danach zu beurteilen, was es anschließend dafür bekommt.

Dieser Unterschied klingt sprachlich zunächst klein, verändert aber die Botschaft.

Wenn Eltern beispielsweise ständig darüber verhandeln müssen, welche Belohnung notwendig ist, damit Spielzeug weggeräumt, Hausaufgaben erledigt oder alltägliche Pflichten übernommen werden, kann sich irgendwann eine Erwartung entwickeln, dass Kooperation grundsätzlich bezahlt werden müsse.

Natürlich funktionieren auch Erwachsene teilweise über äußere Motivation, weshalb es unrealistisch wäre, Kinder ausschließlich zu intrinsischer Motivation erziehen zu wollen. Trotzdem sollten sie schrittweise verstehen können, dass bestimmte Dinge zum Zusammenleben gehören und nicht jede Handlung eine zusätzliche Belohnung benötigt.

Dabei spielen klare und vorhersehbare Strukturen häufig eine größere Rolle als spontane Bestechungsversuche.

5. „Gut gemacht, aber …“ sorgt dafür, dass das Lob häufig innerhalb weniger Sekunden wieder verschwindet

6 überraschende Vorteile, wenn man eine schwierige Kindheit überlebt hat
shutterstock

Viele Eltern kennen wahrscheinlich Situationen, in denen sie eine positive Entwicklung bemerken und gleichzeitig sofort sehen, was noch nicht perfekt funktioniert hat.

Die Versuchung ist groß, beides in einem einzigen Satz zusammenzufassen: „Das hast du wirklich gut gemacht, aber …“
Genau dieses kleine Wort kann jedoch dafür sorgen, dass der positive Teil der Aussage kaum noch wahrgenommen wird.

Wenn dieses Muster regelmäßig vorkommt, kann irgendwann das Gefühl entstehen, dass keine Leistung jemals wirklich ausreicht.

Selbst nach einem Erfolg wartet schließlich noch die Ergänzung darüber, was besser hätte laufen können.

Das bedeutet keineswegs, dass Eltern ausschließlich loben und Fehler ignorieren sollten, denn konstruktive Rückmeldung gehört zum Lernen. Entscheidend kann jedoch sein, Anerkennung zunächst tatsächlich stehen zu lassen, bevor zu einem späteren Zeitpunkt darüber gesprochen wird, was noch verbessert werden könnte.

Besonders wichtig ist dabei, echte Anstrengung wahrzunehmen.

Ein Kind, das sich normalerweise schwer mit Ordnung tut und plötzlich selbstständig einen großen Teil seines Zimmers aufräumt, hat möglicherweise tatsächlich einen Fortschritt gemacht, auch wenn nicht jedes Spielzeug am perfekten Platz liegt.

Wer zuerst diesen Fortschritt wahrnimmt, vermittelt nicht Anspruchslosigkeit, sondern zeigt dem Kind, dass Entwicklung gesehen wird.

6. „Du bist so schlau“ klingt liebevoll, kann aber dazu führen, dass Kinder Fehler plötzlich als Bedrohung ihrer Identität erleben

Wie wirst du zu dem Elternteil, den dein Kind in jedem Alter braucht?
shutterstock

Kaum ein Elternteil würde vermutlich erwarten, dass ein Satz wie „Du bist so schlau“ negative Auswirkungen haben könnte, denn normalerweise soll damit Selbstvertrauen aufgebaut und einem Kind vermittelt werden, dass man an seine Fähigkeiten glaubt.

Ein Kind, das gelernt hat, dass gute Leistungen beweisen, wie intelligent es ist, kann einen Fehler leichter als gegenteiligen Beweis interpretieren. Wenn ich das nicht kann, bin ich vielleicht doch nicht so schlau.

Dadurch können anspruchsvolle Aufgaben plötzlich bedrohlich wirken, weil Scheitern nicht lediglich bedeutet, etwas noch nicht verstanden zu haben, sondern scheinbar die eigene Identität infrage stellt.

Wer dagegen häufiger Rückmeldung darüber bekommt, dass Geduld, Übung, Konzentration oder eine gute Strategie zum Erfolg beigetragen haben, kann Schwierigkeiten eher als Teil eines Lernprozesses betrachten.

Das bedeutet wiederum nicht, dass Eltern ihren Kindern niemals sagen dürfen, dass sie intelligent sind.
Entscheidend ist das Gesamtbild der Rückmeldungen.

Kinder profitieren davon, wenn sie erfahren, dass Fähigkeiten nicht ausschließlich etwas sind, das man entweder besitzt oder nicht besitzt, sondern dass Lernen, Übung und Fehler dazugehören und eine schwierige Aufgabe nicht automatisch etwas darüber aussagt, wie klug oder wertvoll ein Mensch grundsätzlich ist.

Fazit: Gute Eltern sagen manchmal die falschen Dinge – entscheidend ist, was danach passiert

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft hinter diesen sechs Aussagen: Gute Elternschaft bedeutet nicht, jederzeit perfekt zu kommunizieren.

Eltern werden irgendwann zu ungeduldig sein, etwas im falschen Ton sagen, ein Kind unfair beurteilen oder genau jene Formulierung verwenden, von der sie sich früher vorgenommen hatten, sie niemals zu benutzen. Der Ausgangsbeitrag betont deshalb ausdrücklich, dass Eltern Fehler korrigieren und sich bei ihren Kindern entschuldigen können.

Eine solche Entschuldigung nimmt Eltern nicht ihre Autorität.

Im Gegenteil kann ein Kind dadurch etwas ausgesprochen Wichtiges lernen: Erwachsene machen ebenfalls Fehler, und Verantwortung bedeutet nicht, niemals etwas Falsches zu tun, sondern es anschließend anerkennen und möglichst anders machen zu können.

Besonders bedeutsam ist dabei die Trennung zwischen Verhalten und Persönlichkeit.

Ein Kind kann sich egoistisch verhalten, ohne ein egoistischer Mensch zu sein, eine Aufgabe vermeiden, ohne grundsätzlich faul zu sein, und seine Eltern enttäuschen, ohne selbst eine Enttäuschung zu sein. Diese sprachlichen Unterschiede erscheinen Erwachsenen möglicherweise klein, können für die Entwicklung des kindlichen Selbstbildes jedoch erheblich sein.

Auch positives Feedback verdient etwas mehr Aufmerksamkeit.

Lob ist nicht grundsätzlich problematisch, doch Kinder sollten neben der Anerkennung ihrer Eltern schrittweise lernen, eigene Leistungen wahrzunehmen und sich nicht ausschließlich darüber zu definieren, ob andere sie für intelligent, talentiert oder erfolgreich halten.