Empathie gehört zu den Eigenschaften, die wir an anderen Menschen besonders schätzen.
Es tut gut, jemanden neben sich zu haben, der merkt, wenn etwas nicht stimmt, zuhören kann und nicht jedes Gefühl erst erklärt bekommen muss.
Für sehr empathische Menschen selbst kann diese Sensibilität allerdings ziemlich anstrengend werden.
Sie bekommen Spannungen mit, die andere kaum bemerken, denken länger über Gespräche nach und tragen manchmal Sorgen mit sich herum, die eigentlich gar nicht ihre eigenen sind.
Dazu kommt, dass es schwer sein kann, sich abzugrenzen, wenn man sehr deutlich spürt, dass jemand Hilfe braucht.
So sammelt sich über den Tag einiges an, obwohl nach außen vielleicht gar nichts Besonderes passiert ist.
Am Abend ist die Energie trotzdem weg.
Warum starke Empathie so erschöpfen kann, zeigen diese sieben Gründe.
Stimmungen

Sehr empathischen Menschen entgeht selten, wenn sich die Stimmung verändert.
Ein anderer Tonfall, ein ungewöhnlich kurzer Blick oder eine angespannte Stimme reichen oft schon.
Das Schwierige daran ist, solche Gefühle zwar wahrzunehmen, sie aber nicht selbst zu übernehmen.
Ist jemand in deiner Nähe nervös, wirst du plötzlich ebenfalls unruhig.
Nach einem traurigen Gespräch bleibt die Schwere manchmal noch Stunden bei dir, obwohl es gar nicht um dein eigenes Leben ging.
Das passiert nicht unbedingt bewusst.
Du entscheidest schließlich nicht morgens, heute möglichst viele Gefühle anderer Menschen mit dir herumzutragen.
Trotzdem kann genau das im Laufe eines Tages passieren.
Neben den eigenen Gedanken und Problemen kommt dann noch das hinzu, was du von anderen mitbekommst.
Kein Wunder, dass der Kopf irgendwann einfach voll ist.
Details

Während andere nach einem Gespräch einfach weitermachen, läuft es bei dir im Kopf manchmal noch eine Weile weiter.
War die Antwort eben ungewöhnlich kurz?
Warum wurde plötzlich das Thema gewechselt?
Und was hatte dieser eine Blick zu bedeuten?
Sehr empathische Menschen registrieren oft Kleinigkeiten, die anderen gar nicht auffallen.
Tonfall, Körpersprache und kleine Veränderungen in der Stimmung werden nicht nur bemerkt, sondern auch eingeordnet.
Das kann hilfreich sein, weil du schnell spürst, was zwischen den Zeilen passiert.
Für den Kopf bedeutet es allerdings zusätzliche Arbeit.
Vor allem nach einem langen Tag mit vielen Menschen kann sich das bemerkbar machen.
Eigentlich ist nichts Dramatisches passiert.
Trotzdem bist du müde, weil dein Kopf den ganzen Tag deutlich mehr verarbeitet hat, als dir bewusst war.
Grenzen

Du weißt eigentlich, dass dein Tag schon voll genug ist.
Dann bittet dich jemand um einen Gefallen und das Nein bleibt irgendwo auf halber Strecke hängen.
Denn du siehst nicht nur die Bitte.
Du merkst auch, wie gestresst dein Gegenüber ist, wie sehr es auf deine Hilfe hofft und wie enttäuscht es vermutlich wäre, wenn du ablehnst.
Also sagst du doch zu.
Sehr empathische Menschen stellen die Bedürfnisse anderer schnell vor die eigenen, ohne es sofort zu bemerken.
Aus einem kleinen Gefallen werden mehrere und aus „Ich helfe nur kurz“ wird ein Abend, an dem für dich selbst kaum noch etwas übrig bleibt.
Irgendwann bist du müde, gereizt und fragst dich, warum du schon wieder über deine eigenen Grenzen gegangen bist.
Ein Nein kann sich unangenehm anfühlen.
Ständig Ja zu sagen, obwohl du längst keine Kraft mehr hast, kostet allerdings deutlich mehr.
Sorgen

Das Gespräch ist längst vorbei, aber in deinem Kopf geht es weiter.
Du denkst darüber nach, was die andere Person erzählt hat, spielst mögliche Lösungen durch und fragst dich, wie es ihr inzwischen geht.
Besonders schwer fällt das, wenn dir jemand von einem Problem erzählt, bei dem du wenig tun kannst.
Du möchtest helfen, hast aber keine wirkliche Lösung.
Also nimmst du die Sorge einfach mit.
Sie taucht beim Kochen wieder auf, kurz vor dem Einschlafen oder mitten in einem völlig anderen Moment.
Dabei kann Mitgefühl schnell in Grübeln übergehen.
Irgendwann beschäftigst du dich länger mit dem Problem als der Mensch, dem es eigentlich gehört.
Für den Kopf gibt es dadurch kaum eine richtige Pause.
Du bist längst zu Hause, aber ein Teil von dir sitzt gedanklich immer noch in diesem Gespräch.
Verantwortung

Schlechte Stimmung im Raum lässt dich selten kalt.
Wenn zwei Menschen kaum miteinander reden, jemand plötzlich still wird oder die Atmosphäre beim Familienessen kippt, bemerkst du es sofort.
Und häufig versuchst du genauso schnell, etwas dagegen zu tun.
Du wechselst das Thema, machst einen Witz oder sorgst dafür, dass niemand sich ausgeschlossen fühlt.
Was dabei leicht passiert: Du machst die Stimmung anderer zu deiner Aufgabe.
Dann reicht es nicht mehr, selbst einen guten Abend zu haben.
Alle anderen sollen ihn bitte auch haben.
Das kann verdammt anstrengend werden.
Vor allem, weil du manche Spannungen gar nicht lösen kannst.
Manchmal ist jemand eben schlecht gelaunt.
Und manchmal darf das auch einfach sein.
Bedürfnisse

Du merkst schnell, wenn jemand eine Pause braucht, reden möchte oder ein bisschen Unterstützung gebrauchen könnte.
Bei deinen eigenen Bedürfnissen funktioniert dieses feine Gespür manchmal erstaunlich schlecht.
Du hörst noch eine Stunde zu, obwohl du längst müde bist.
Du kümmerst dich darum, dass es allen gut geht, und bemerkst erst später, dass du selbst seit Stunden angespannt bist.
Wer ständig nach außen schaut, übersieht leicht die eigenen Signale.
Hunger, Ruhe, Zeit allein oder einfach der Wunsch, heute niemandem mehr zuzuhören, werden dann immer wieder verschoben.
Bis der Körper irgendwann deutlicher wird.
Dann kommt die Erschöpfung oft scheinbar aus dem Nichts.
Dabei war sie längst da.
Du hattest nur zu viel damit zu tun, alle anderen zu spüren.
Rückzug

Nach einem langen Tag willst du manchmal einfach nur deine Ruhe.
Keine Nachrichten, kein Telefonat und am besten auch niemand, der noch schnell „eine Sache“ erzählen möchte.
Das hat wenig damit zu tun, dass du Menschen nicht magst.
Nach vielen Gesprächen und Eindrücken ist dein Kopf einfach irgendwann voll.
Andere haben nach einem Treffen noch Lust auf die nächste Verabredung, während du dich auf deine Couch freust und für ein paar Stunden nichts mehr hören möchtest.
Diese Zeit allein brauchst du, um wieder bei dir selbst anzukommen.
Schwierig wird es, wenn du dir diese Pause nicht erlaubst.
Dann folgt auf einen vollen Tag noch ein Abendprogramm, auf das lange Telefonat das nächste und auf das Wochenende mit Freunden direkt die neue Arbeitswoche.
Irgendwann hilft auch der dritte Kaffee nicht mehr.
Dein Akku braucht dann keine Motivation. Er braucht einfach Ruhe.
Fazit
Jeder von uns ist anders.
Wir mögen unterschiedliche Menschen, brauchen unterschiedlich viel Zeit für uns und kommen auf ganz verschiedene Arten wieder zu Kräften.
Was für jemanden Entspannung bedeutet, kann dich zusätzlich ermüden.
Und ein Abend unter Menschen, auf den sich jemand anderes die ganze Woche freut, kann für dich genau das sein, wovon du anschließend erst einmal eine Pause brauchst.
Deshalb bringt es wenig, sich ständig daran zu orientieren, wie viel andere schaffen oder wie oft sie unterwegs sein können.
Hör lieber darauf, was dir dein eigenes Gefühl sagt.
Wenn du Ruhe brauchst, nimm sie dir.
Wenn dir etwas zu viel wird, darfst du dich zurückziehen.
Du kennst dich selbst schließlich besser als jeder andere.

