Skip to Content

Was Menschen wirklich dazu bringt, fremdzugehen

Was Menschen wirklich dazu bringt, fremdzugehen

Es gibt diese weit verbreitete Geschichte, die wir uns alle erzählen, die Geschichte von der „besseren Person“, die plötzlich auftaucht und alles ändert.

Diese attraktive, aufgeregte, emotional verfügbare Person, die eines Tages in dein Leben kommt und dich wegreißt von dem, was du bereits hast.

Aber die Realität ist oft viel leiser und weniger dramatisch, viel weniger wie ein Film und mehr wie echtes Leben.

In vielen Fällen geht es nämlich nicht um Vergleich, es geht nicht darum, dass die andere Person „besser“ ist.

Es geht um den inneren Zustand der Person, die vor dem flieht, was sie bereits hat, die sich unruhig fühlt, die nach etwas sucht, das sie nicht benennen kann.

Häufig geht es überhaupt nicht darum, dass jemand eine bessere Person findet, sondern jemanden, bei dem sich alles unkomplizierter anfühlt, leichter, weniger konfrontierend.

Jemanden, bei dem man nicht hinschauen muss.

Langjährige Beziehungen tragen Tiefe in sich, echte Tiefe, die Kraft hat und die wehtut, aber genau diese Tiefe verlangt Präsenz, verlangt Verantwortung und emotionale Reife, und nicht jeder Mensch ist bereit, sich dem dauerhaft zu stellen.

Das ist die unbequeme Wahrheit.

Leichtigkeit

Eine neue Person wirkt oft nicht deshalb anziehend, weil sie außergewöhnlich ist, nicht weil sie wirklich besser ist, sondern weil sie keine gemeinsame Vergangenheit mitbringt.

Keine ungelösten Konflikte, keine angesammelten Enttäuschungen, keine Jahre von Missverständnissen, die irgendwo in den Falten der Beziehung sitzen und warten, dass man sie endlich anspricht.

Diese Dynamik erzeugt ein Gefühl von Freiheit, weil keine Erwartungen erfüllt werden müssen, weil keine alten Gespräche fortgeführt werden müssen, weil man einfach so sein kann, ohne dass die andere Person dich kennt.

Diese scheinbare Leichtigkeit kann berauschend wirken, kann süchtig machen, weil sie kein Spiegel ist, kein ehrlicher Spiegel, der dir zeigt, wer du wirklich bist.

Sie ist eine Pause von der Realität, eine Flucht, und Flucht fühlt sich immer wie Freiheit an, zumindest am Anfang.

Der Alltag

In langen Beziehungen, in wirklich langen Beziehungen, lernen Menschen einander so tief kennen, dass sie auch die hässlichen Dinge sehen.

Die Unsicherheiten, die immer wiederkehrenden Muster, die emotionalen Wunden, die nicht heilen wollen, weil man sich nicht traut, sie wirklich anzuschauen.

Für jemanden, der Konflikte vermeidet, kann genau diese Form der Nähe belastend sein, kann sich schwer anfühlen, weil sie Ehrlichkeit verlangt.

Sie verlangt Selbstreflexion, sie verlangt, dass du dich selbst anschaust und nicht nur die andere Person.

Anstatt schwierige Gespräche zu führen, anstatt in den Spiegel zu schauen, erscheint es einfacher, sich dorthin zu wenden, wo noch keine Fragen gestellt werden und keine Erwartungen existieren.

Wo du nicht angesehen wirst, wo dich niemand kennt, wo dein Versprechen, besser zu werden, noch nicht gebrochen ist.

Verantwortung

Untreue entsteht oft überhaupt nicht aus fehlender Liebe, nicht weil dein Herz nicht mehr für diese Person schlägt.

Sie entsteht aus mangelnder emotionaler Verantwortung, aus der Angst vor ehrlicher Kommunikation, aus der Tatsache, dass du dich einfach nicht traust, die schwierigen Dinge auszusprechen.

Wahre Nähe bedeutet, präsent zu bleiben, auch wenn Gespräche unbequem werden, auch wenn Gefühle nicht mehr leicht sind, auch wenn du lieber weglaufen würdest.

Es bedeutet, zu bleiben, wenn es wehtut, wenn die andere Person dir wehgetan hat und dir gestehen muss, dass dich auch dein eigenes Verhalten verletzt hat.

Eine neue Person bietet oft eine Verbindung ohne Verpflichtung zur echten Entwicklung, ohne Erwartung, dass du wachsen musst, dass du besser werden musst.

Und genau diese Oberflächlichkeit, diese Leichtigkeit ohne Substanz, kann für Menschen unglaublich attraktiv wirken, die vor echter Tiefe zurückschrecken.

Tiefe

Leichtigkeit ohne Tiefe kann nicht dauerhaft bestehen, das ist nicht möglich, weil ihr das Fundament gemeinsamer Erfahrungen fehlt, weil die Verbindung auf Sand aufgebaut ist.

Jede Beziehung, die mit der Zeit enger wird, bringt Verantwortung mit sich, unvermeidlich, unabhängig davon, mit wem sie geführt wird.

Das ist nicht die Schuld deines Partners, das ist nicht, weil du die falsche Person gewählt hast.

Es ist einfach so, dass echte Verbindung einen Preis hat. Der Preis heißt Verletzlichkeit, heißt Konfrontation mit dir selbst.

Untreue bedeutet daher selten, dass jemand eine bessere Person gefunden hat, sondern eher, dass jemand den einfacheren Weg gewählt hat, statt sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Statt zu bleiben und zu kämpfen, zu reden und zu wachsen.

Realität

Der schmerzhafteste Teil ist oft nicht der Vergleich mit einer anderen Person, nicht die Frage, ob jemand anderes attraktiver ist.

Der schmerzhafteste Teil ist die Erkenntnis, dass Konflikte unausgesprochen blieben, dass Bedürfnisse übersehen wurden, dass du nicht geredet hast, obwohl du hättest sprechen können.

Echte Beziehungen erfordern Mut, nicht nur zu Beginn, wenn alles neu und aufregend ist, sondern besonders dann, wenn die anfängliche Verliebtheit der Realität weicht.

In diesen Momenten zeigt sich, ob beide bereit sind, gemeinsam zu wachsen, oder ob jemand beginnt, nach einem einfacheren Ausweg zu suchen, nach jemandem, der keine Anforderungen stellt.

Das ist der entscheidende Moment, der Moment, in dem manche Menschen bleiben und manche gehen.

Reflexion

Leichtigkeit in einer wirklich reifen Beziehung entsteht nicht durch Vermeidung von schwierigen Themen, nicht durch Stillschweigen, sondern durch offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis.

Sie entsteht dadurch, dass du dich traust zu sagen, was dir wehtut, dass du dich traust zu zeigen, dass auch du Fehler machst.

Wer bereit ist zur Selbstreflexion, wer wirklich in seinen Spiegel schaut, erkennt, dass das Problem selten in der „einfacheren“ Person liegt, sondern in der fehlenden inneren Klarheit, in der fehlenden Bereitschaft, wichtige Gespräche zu führen.

Es liegt in deiner Angst, nicht in einer besseren Option.

Am Ende zählt nicht, wer neuer oder aufregender erscheint, nicht wer mehr Likes bekommt oder spannender wirkt.

Es zählt, wer bereit ist, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, wer bereit ist zu sagen „ich bin nicht präsent genug gewesen“ statt „ich habe jemand anderes gefunden“.

Schlussgedanke

Wahre Verbundenheit entsteht nicht dort, wo alles mühelos ist, nicht in den Momenten, wo du dich entspannen kannst und nicht hinschauen musst.

Sie entsteht dort, wo zwei Menschen den Mut haben, präsent zu bleiben und sich nicht voreinander zu verstecken, wo sie bereit sind, die unbequemen Dinge auszusprechen.

Untreue sagt oft mehr über den inneren Zustand der Person aus, die sich entfernt, als über die Person, die gewählt wurde.

Sie sagt, dass diese Person nicht bereit war, zu bleiben, wenn es schwierig wurde, nicht bereit war, wirklich hinzuschauen.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis, denn der einfachere Weg führt selten zu tiefer Zufriedenheit, zu echtem Glück.

Er führt meist nur zu einem vorübergehenden Gefühl von Erleichterung, das nach ein paar Monaten wieder verblasst, wenn auch in dieser neuen Beziehung die erste Aufregung nachlässt und die Realität wieder auftaucht.

Und dann sitzt du wieder da, allein mit deinen unbeantworteten Fragen, allein mit der Tatsache, dass du nicht geblieben bist.

Dass du gelaufen bist. Und das ist die Wahrheit, die wehtut: Untreue ist nicht der Anfang einer besseren Geschichte.

Sie ist das Ende der Geschichte, in der du stark sein könntest, aber gewählt hast, schwach zu sein.