Es beginnt oft unscheinbar, fast beiläufig, als wäre es nur ein normales Glas am Abend, doch in dir zieht sich etwas zusammen.
Du kennst es aus Erfahrung, dass Alkohol bei ihm nicht zu Entspannung führt, sondern zu Veränderung, zu etwas, das du nicht kontrollieren kannst.
Die Stimmung kippt nicht sofort, sondern schleichend, kaum wahrnehmbar für Menschen um euch herum, doch für dich ist jedes kleine Signal vertraut.
Jede Nuance im Tonfall, jede Veränderung im Blick, jedes Wort, das plötzlich eine andere Schärfe trägt – du kennst diese Zeichen so gut, dass sie dir Angst machen.
Alkohol verstärkt nicht den Charakter, das ist ein Missverständnis. Er löst Hemmungen, und bei jemandem mit stark narzisstischen Zügen fällt damit oft genau das weg, was sonst mühsam aufrechterhalten wird.
Kontrolle, Charme, die sorgfältig inszenierte Fassade, alles das braucht Energie, und unter Alkohol fehlt diese Energie.
Was bleibt, ist das Ungefilterte, das Echte, und genau das macht dir Angst.
1. Die Maske rutscht schneller als sonst
Was im Alltag noch versteckt bleibt, was er mühsam verborgen hält, zeigt sich unter Alkohol oft ungefiltert, weil die Energie fehlt, weiterhin das Bild aufrechtzuerhalten.
Der sorgsam konstruierte Eindruck, den er normalerweise von sich vermittelt, wird durchlässig, wird anfällig.
Kritik wird direkter, wird spitzer, weniger verkleidet, und plötzlich hörst du Sätze, die er nüchtern vielleicht diplomatischer formulieren würde, die aber die ganze Zeit seine wahre Haltung verraten haben.
Es ist nicht so, dass Alkohol etwas Neues erschafft, etwas, das nicht da war, sondern eher, dass er den Filter wegnimmt, der sonst verhindert, dass diese Seiten offen sichtbar werden.
Das ist das Erschreckende daran: Das, was du siehst, war die ganze Zeit da.
2. Empathie verschwindet fast vollständig
Schon im nüchternen Zustand fällt es narzisstischen Personen schwer, sich wirklich in andere hineinzuversetzen, sich vorzustellen, wie du dich fühlst und was du brauchst.
Doch unter Alkoholeinfluss wird dieser Abstand oft noch größer, wird fast unüberbrückbar.
Gespräche drehen sich dann fast ausschließlich um ihn, um seine Gefühle, um seine Kränkungen, um seine Sichtweise, während deine Wahrnehmung zunehmend unwichtiger wird.
Du merkst, wie deine Worte nicht mehr ankommen, wie du innerlich leiser wirst, weil du spürst, dass es in diesem Moment keinen Raum für dich gibt.
Deine Realität interessiert ihn nicht, deine Bedürfnisse sind irrelevant, nur er zählt.
Und das schmerzt, weil du merkst, dass es nicht an diesem Moment liegt, sondern daran, wer er ist.
3. Alte Vorwürfe tauchen wieder auf
Themen, die längst geklärt schienen, Dinge, von denen du dachtest, ihr hättet sie hinter euch gelassen, werden plötzlich wieder hervorgeholt.
Oft verzerrt, übertrieben, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, als hätten sie sich in seinem Kopf immer weiter festgesetzt.
Alkohol senkt die Hemmschwelle, alte Kränkungen loszulassen, die Dinge zu sagen, die er sonst nur denkt.
Gleichzeitig fehlt die Fähigkeit, Situationen differenziert zu betrachten, die Grautöne zu sehen, die Nuancen zu verstehen.
So entsteht eine Endlosschleife aus Schuldzuweisungen, eine Spirale, in der du das Gefühl hast, dich immer wieder verteidigen zu müssen, obwohl du nichts Neues getan hast.
Es ist anstrengend, es ist demoralisierend, es ist, als würde man gegen einen Gegner kämpfen, der die Regeln ständig ändert.
4. Kontrolle weicht impulsivem Verhalten
Ein Narzisst lebt stark von Kontrolle, von der Kontrolle über sich selbst, über andere, über Situationen, über das Narrative.
Das ist sein Spielfeld, sein Reich, und solange er dieses Reich kontrolliert, fühlt er sich sicher.
Doch Alkohol schwächt genau diese Fähigkeit, diese zentrale Fähigkeit, die sein ganzes Verhalten strukturiert.
Was nüchtern noch strategisch geplant wirkt, wird plötzlich impulsiv, wird unberechenbar, manchmal sogar widersprüchlich.
Er weiß selbst nicht mehr, was er als Nächstes sagt oder tut, und genau das macht dich so nervös.
Du kannst nicht mehr einschätzen, welche Reaktion kommt, und genau diese Unsicherheit erzeugt in dir Anspannung, weil du dich nicht mehr orientieren kannst.
Du musst auf alles vorbereitet sein, dich klein machen, ruhig bleiben, dich schützen.
5. Die Stimmung schwankt extrem
Zwischen Charme und Kälte, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Lob und Abwertung liegen oft nur wenige Minuten.
Du kennst das, diese verrückt machenden Schwankungen, diese emotionalen Achterbahnfahrten.
Eine Minute ist er verständnisvoll, die nächste Minute wirfst du ihm alles vor, was er je getan hat.
Diese emotionalen Schwankungen wirken verwirrend, weil du dich fragst, welche Version von ihm gerade echt ist, welche die wahre ist.
Ist die liebevolle Version, die dich umarmt und versteht, die echte? Oder ist es die verletzende Version, die dich klein macht?
Doch gerade diese Unberechenbarkeit, dieses emotionale Chaos, bindet viele Menschen emotional, weil sie ständig hoffen, dass die „gute Phase“ zurückkehrt, dass sie die liebevolle Version wiedersehen können.
Hoffnung ist eine Falle in solchen Situationen.
6. Verantwortung wird komplett abgewehrt
Unter Alkoholeinfluss fällt es noch schwerer, eigenes Fehlverhalten anzuerkennen, die Verantwortung für das zu übernehmen, was man gesagt oder getan hat.
Das würde bedeuten, das perfekte Selbstbild zu beschädigen, und das geht nicht, das kann nicht sein.
Statt Einsicht entstehen Rechtfertigungen, Ausreden oder, noch schlimmer, Gegenangriffe, die dich plötzlich zur Ursache aller Spannungen machen.
Du wirst zum Sündenbock, zur Rechtfertigung, zum Grund, warum er trinken muss.
Du merkst, wie Gespräche sich im Kreis drehen, wie es keine Auflösung gibt, weil echte Reflexion, echte Selbstverantwortung in diesem Zustand kaum möglich sind.
Es ist wie gegen eine Wand zu sprechen, die dich nur anklagt.
7. Am nächsten Tag folgt Verdrängung oder Verharmlosung
Was am Abend gesagt oder getan wurde, wird später oft relativiert, heruntergespielt oder sogar komplett abgestritten, als hätte es nicht stattgefunden.
Du hörst Sätze wie „So schlimm war das doch gar nicht“ oder „Du übertreibst wieder“, obwohl du genau weißt, wie sich die Situation angefühlt hat, wie die Worte dich verletzt haben.
Es ist surreal, es ist crazy-making, weil deine Realität plötzlich infrage gestellt wird.
Deine Wahrnehmung, dein Erleben, deine echten Gefühle werden zu Übertreibungen, zu emotionalen Reaktionen, zu etwas, das nicht real ist.
Diese Dynamik kann dazu führen, dass du beginnst, an deiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, obwohl dein Gefühl dir längst sagt, dass etwas nicht stimmt, dass hier etwas falsch läuft.
Du fängst an zu glauben, dass du überempfindlich bist, dass du zu viel hineininterpretierst, dass du das Problem bist.
Aber das ist genau die Absicht, auch wenn er das nicht bewusst plant.
Schlussgedanke
Alkohol ist selten die Ursache für problematisches Verhalten. Das ist wichtig zu verstehen.
Alkohol ist eher ein Verstärker, ein Vergrößerungsglas von dem, was ohnehin im Inneren vorhanden ist, was dort schlummert, wartet.
Wenn du regelmäßig erlebst, dass sich ein Mensch unter Alkoholeinfluss stark verändert und diese Veränderung dich verunsichert, dich verletzt, dich Angst haben lässt, dann ist es wichtig, deine eigenen Grenzen ernst zu nehmen.
Sehr ernst zu nehmen, nicht als egoistisch zu sehen, sondern als Selbstschutz.
Du bist nicht verantwortlich für das Verhalten eines anderen Menschen, für seine Entscheidungen, für sein Verhalten unter Alkohol.
Doch du bist verantwortlich für dein eigenes Wohlbefinden, und genau dort beginnt echter Selbstschutz.
Manchmal zeigt sich die Wahrheit nicht in nüchternen Momenten, in den sorgfältig konstruierten Augenblicken, sondern in den Momenten, in denen die Kontrolle fällt und das Ungefilterte sichtbar wird.
Vertrau dem, was du siehst, wenn die Maske fällt.
Das ist die Realität.








