Es gibt Menschen, die für andere wirklich alles tun. Sie helfen Freunden, springen für Kollegen ein, kümmern sich um die Familie und sind sofort da, wenn jemand sie braucht. Ein „Nein“ fällt ihnen dagegen unglaublich schwer.
Auf den ersten Blick wirkt so ein Verhalten sehr positiv. Schließlich möchte wohl jeder einen Menschen in seinem Leben haben, auf den er sich verlassen kann. Doch es gibt einen Unterschied zwischen hilfsbereit zu sein und sich selbst ständig zu vergessen.
Wer immer zuerst darauf achtet, dass es allen anderen gut geht, kann irgendwann selbst völlig erschöpft sein. Das Problem ist: Solche Menschen merken häufig gar nicht, wie weit sie sich selbst zurücknehmen. Sie sind so sehr daran gewöhnt, die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen, dass die eigenen irgendwann kaum noch eine Rolle spielen.
Der aktuelle YourTango-Artikel beschreibt acht Erfahrungen, die Menschen machen können, die sich in fast jeder Situation selbst an die letzte Stelle setzen.
1. Sie sind ständig erschöpft und bekommen ihr eigenes Leben kaum noch organisiert

Wenn man ständig für andere da ist, bleibt irgendwann kaum noch Energie für sich selbst.
Eine Freundin braucht Hilfe beim Umzug? Man sagt zu. Ein Kollege möchte eine Schicht tauschen? Man übernimmt. Die Familie braucht Unterstützung? Natürlich ist man da.
Das Problem ist nicht eine einzelne Gefälligkeit. Das Problem entsteht, wenn daraus ein dauerhaftes Muster wird.
Menschen, die andere immer an erste Stelle setzen, übernehmen häufig mehr, als sie eigentlich schaffen können. Sie sagen zu, obwohl sie müde sind, verschieben eigene Termine und verzichten auf Pausen, damit niemand enttäuscht ist.
Irgendwann ist der eigene Akku leer.
Trotzdem fällt es ihnen schwer, einfach einmal Nein zu sagen. Sie haben vielleicht Angst, egoistisch zu wirken oder jemanden im Stich zu lassen.
So entsteht ein Kreislauf: Je erschöpfter sie sind, desto mehr müssten sie eigentlich auf sich achten. Gleichzeitig fällt es ihnen gerade dann besonders schwer, andere abzulehnen.
2. Sie suchen ständig nach Anerkennung

Für manche Menschen hängt das eigene Selbstwertgefühl stark davon ab, wie andere sie wahrnehmen.
Wenn jemand sagt: „Du bist immer für mich da“, fühlt sich das gut an. Wenn andere dankbar sind, braucht man vielleicht gar nicht viel mehr Bestätigung.
Das kann jedoch problematisch werden, wenn die eigene Zufriedenheit fast ausschließlich davon abhängt.
Dann hilft man nicht mehr nur, weil man helfen möchte. Man hilft auch, weil man gebraucht werden möchte.
Vielleicht übernimmt man zusätzliche Aufgaben bei der Arbeit, obwohl man eigentlich keine Zeit hat. Oder man verbringt Stunden mit einem Freund, obwohl zu Hause wichtige Dinge warten.
Das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden, kann kurzfristig sehr schön sein. Langfristig sollte der eigene Wert jedoch nicht davon abhängen, wie viel man für andere tut.
Denn ein Mensch ist nicht weniger wert, nur weil er gerade niemandem etwas abnimmt.
3. Sie ziehen häufig Menschen an, die ihre Großzügigkeit nicht erwidern

Wenn jemand immer gibt, besteht die Gefahr, dass andere sich daran gewöhnen.
Eine Person weiß: „Wenn ich sie frage, hilft sie sowieso.“
Also wird wieder gefragt. Und wieder. Und wieder.
So können Beziehungen entstehen, die immer stärker in eine Richtung laufen. Einer gibt Zeit, Aufmerksamkeit und Unterstützung, während der andere hauptsächlich nimmt.
Für denjenigen, der ständig hilft, fühlt sich das irgendwann unfair an. Gleichzeitig hat er vielleicht selbst Schwierigkeiten damit, die andere Person um etwas zu bitten.
Das kann besonders verwirrend sein: Man wünscht sich mehr Unterstützung, hat aber gleichzeitig gelernt, selbst alles zu übernehmen.
Gesunde Beziehungen sollten jedoch nicht dauerhaft aus einer Person bestehen, die gibt, und einer anderen, die nimmt. Freundschaften, Partnerschaften und familiäre Beziehungen brauchen normalerweise ein gewisses gegenseitiges Geben und Nehmen.
4. Sie verlieren irgendwann das Gefühl dafür, wer sie selbst eigentlich sind

Wer jahrelang die Bedürfnisse anderer in den Mittelpunkt stellt, kann irgendwann vergessen, was er selbst möchte.
Was möchtest du eigentlich am Wochenende machen?
Welche Menschen tun dir gut?
Was würdest du gerne ausprobieren?
Was macht dich glücklich?
Für jemanden, der sich ständig an andere anpasst, können solche Fragen überraschend schwierig sein.
Vielleicht richtet er seine Freizeit nach dem Partner, die eigenen Entscheidungen nach der Familie und den Alltag nach den Bedürfnissen anderer Menschen.
Irgendwann fühlt sich das eigene Leben dann gar nicht mehr wie das eigene an.
Besonders in Beziehungen kann das passieren. Man gibt so viel, dass die eigenen Interessen, Freundschaften und Wünsche immer kleiner werden.
Das kann dazu führen, dass man zwar ständig für andere da ist, sich selbst aber immer weniger kennt.
5. Die eigenen Bedürfnisse geraten völlig in den Hintergrund

Menschen, die andere immer zuerst setzen, wissen manchmal gar nicht mehr, was sie selbst brauchen.
Sie fragen andere: „Was möchtest du essen?“
„Wann passt es dir?“
„Was möchtest du machen?“
„Wie kann ich dir helfen?“
Aber wenn jemand sie selbst fragt: „Und was möchtest du?“, wissen sie keine Antwort.
Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie keine Wünsche haben. Sie haben möglicherweise einfach gelernt, die Wünsche anderer zuerst zu berücksichtigen.
Besonders problematisch wird das, wenn jemand dafür regelmäßig die eigenen Grenzen überschreitet.
Er braucht eigentlich Ruhe, sagt aber trotzdem zu. Er möchte eigentlich nicht mitkommen, geht aber trotzdem. Er ist überfordert, übernimmt aber noch eine weitere Aufgabe.
So kann Selbstlosigkeit irgendwann in Selbstvernachlässigung übergehen.
6. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie irgendwann Wut oder Enttäuschung empfinden

Das ist vielleicht einer der schwierigsten Punkte.
Menschen, die ständig für andere da sind, können irgendwann enttäuscht oder sogar wütend werden.
Und das ist eigentlich völlig verständlich.
Wenn man jahrelang anderen geholfen hat und dann selbst Unterstützung braucht, möchte man natürlich ebenfalls jemanden an seiner Seite haben.
Doch wenn diese Unterstützung ausbleibt, kann sich Frust entwickeln.
Das Problem: Viele Menschen, die sich selbst immer an die letzte Stelle setzen, erlauben sich diese Gefühle nicht.
Sie denken:
„Ich darf mich nicht beschweren.“
„Ich habe doch freiwillig geholfen.“
„Vielleicht erwarte ich einfach zu viel.“
„Ich sollte nicht so empfindlich sein.“
So wird aus einer normalen Enttäuschung plötzlich ein schlechtes Gewissen.
Dabei ist es völlig menschlich, verletzt zu sein, wenn man das Gefühl bekommt, dass die eigene Großzügigkeit nicht erwidert wird.
7. Sie werden sehr gut darin, ihre Enttäuschung zu verstecken

Wenn jemand häufig für andere da ist, entwickelt er manchmal eine besondere Fähigkeit: Er lässt sich kaum anmerken, wenn ihn etwas verletzt.
Ein Freund vergisst den eigenen Geburtstag? Kein Problem.
Man hat stundenlang geholfen und bekommt nicht einmal ein Dankeschön? Schon okay.
Man springt ständig für andere ein, aber wenn man selbst Hilfe braucht, ist niemand verfügbar? Wird schon irgendwie gehen.
Nach außen wirkt alles entspannt.
Innerlich kann es jedoch ganz anders aussehen.
Menschen, die ihre Enttäuschung ständig unterdrücken, gewöhnen sich möglicherweise daran, ihre Gefühle herunterzuspielen. Sie möchten niemandem ein schlechtes Gewissen machen und vermeiden Konflikte.
Doch nicht ausgesprochene Enttäuschungen verschwinden nicht automatisch.
Sie können sich mit der Zeit ansammeln und irgendwann in Form von Rückzug, Frust oder Verbitterung wieder auftauchen.
8. Sie können kaum Nein sagen

Für viele Menschen ist das der Kern des gesamten Problems.
Sie möchten niemanden enttäuschen.
Sie haben Angst davor, unfreundlich zu wirken. Sie fürchten, dass jemand sauer werden könnte. Oder sie glauben, dass eine Ablehnung eine Freundschaft oder Beziehung beschädigen könnte.
Also sagen sie lieber Ja.
Auch wenn sie keine Zeit haben.
Auch wenn sie keine Lust haben.
Auch wenn sie eigentlich erschöpft sind.
Auch wenn die Bitte völlig unpraktisch für sie ist.
Ein Nein fühlt sich für sie fast schlimmer an als die eigene Überforderung.
Dabei ist ein Nein nicht automatisch egoistisch. Es kann sogar notwendig sein, um Beziehungen langfristig gesund zu halten.
Denn wenn man ständig Dinge verspricht, die man eigentlich gar nicht leisten kann, entsteht irgendwann genau das Gegenteil von dem, was man erreichen wollte: Frust auf beiden Seiten.
Grenzen zu setzen bedeutet nicht, dass einem andere Menschen egal sind.
Es bedeutet, dass die eigenen Bedürfnisse ebenfalls zählen.
Fazit
Für andere da zu sein, ist eine schöne Eigenschaft. Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Empathie machen einen Menschen nicht schwach. Im Gegenteil: Sie können Beziehungen unglaublich wertvoll machen.
Doch Selbstlosigkeit hat eine Grenze.
Wenn man ständig die Bedürfnisse anderer erfüllt, während die eigenen immer weiter nach hinten geschoben werden, kann aus Hilfsbereitschaft irgendwann Erschöpfung entstehen.
Man verliert vielleicht den Kontakt zu den eigenen Wünschen, zieht Menschen an, die gerne nehmen, und fühlt sich sogar schuldig, wenn man irgendwann enttäuscht oder wütend ist.
Deshalb muss man nicht plötzlich zu einem egoistischen Menschen werden. Man darf weiterhin helfen, zuhören und für andere da sein.
Aber man darf sich selbst ebenfalls auf die Liste setzen.
Vielleicht sogar ziemlich weit nach oben.
Denn eine gesunde Beziehung zu anderen Menschen bedeutet nicht, dass alle anderen immer zuerst kommen. Es bedeutet, dass auch die eigenen Bedürfnisse einen Platz bekommen.
Und manchmal ist ein ehrliches „Nein, diesmal schaffe ich es nicht“ nicht das Ende einer Beziehung.
Es ist einfach ein Zeichen dafür, dass man endlich verstanden hat, dass man selbst genauso wichtig ist wie die Menschen, für die man ständig da ist.

